Die Mär vom zerstörten Widerstand

Die Mär vom zerstörten Widerstand

screenshot: Raketenangriff auf Israel aus den Trümmern Gazas heraus

Nach acht Monaten beispielloser Zerstörung und Massaker durch Israels Armee haben palästinensische Kämpfer im Gazastreifen und im Westjordanland die Mauern nach Israel überschritten. Ankündigungen über die Vernichtung des Widerstands verlieren an Glaubwürdigkeit. Der Widerstand lebt weiter.

Das letzte Hamas-Bataillon

Seit Beginn des Krieges spricht die israelische Armee von genau 24 Hamas-Bataillonen im Gazastreifen. Und vielleicht um die Geschichte einfach zu machen, erwähnt sie nicht die vielen tausend Kämpfer der verschiedenen anderen bewaffneten Gruppen in Gaza. Nachdem Israels Armee eine Region des Gazastreifens zerstört und sich aus ihr zurückgezogen hat, verkündet sie die Zerstörung des Widerstands in genau jener Region, die genaue Zahl der zerstörten Bataillone und die Tötung von Tausenden von Kämpfern.

Diesen Ankündigungen zufolge befanden sich in Rafah die letzten 4 Bataillone, weshalb Israel auf der Invasion bestand und sich über die Anordnung des Internationalen Gerichtshofs hinwegsetzte. Die „Operation“ in Rafah soll Berichten zufolge in den nächsten Wochen abgeschlossen werden. Damit hätte die Hamas praktisch keinen bewaffneten Flügel mehr.

Videos vor Ort erzählen eine andere Geschichte

Es vergeht kein Tag, an dem nicht mehrere bewaffnete Gruppen mehrere Angriffe gegen die einmarschierende israelische Armee ankündigen, sogar in Gebieten, die die israelische Armee angeblich von Kämpfern geräumt hat. Videos, die Occupied News aus rechtlichen Gründen nicht veröffentlichen kann, belegen viele dieser Behauptungen. Einige Waffen, wie Panzerabwehrraketen und Mörsergranaten, scheinen unbegrenzt verfügbar zu sein. Der Islamische Jihad zum Beispiel feuert fast wöchentlich (kleine) Raketen auf israelische Städte in der Umgebung des Gazastreifens ab.

Militärische Sprecher der palästinensischen Gruppen wiederholen, dass sie zu einem längeren Guerillakrieg fähig sind. Einige der Videos zeigen sogar, dass die Kämpfer während des Krieges noch Raketen produzieren. Bemerkenswert ist auch, dass auf jüngsten Videos aus dem nördlichen Gazastreifen Waffentypen zu sehen sind, die seit den ersten Wochen des Krieges nicht mehr gesehen wurden, was darauf hindeutet, dass die logistischen Linien wiederbelebt wurden.

Arabische Medien, die der politischen Führung der bewaffneten Gruppen nahe stehen, zitieren diese mit der Aussage, dass die Lage dieser bewaffneten Flügel gut genug sei, um ihre Position in den Verhandlungen zu stärken.

„Isolierte Zellen“

Israelische Sprecher betonten, dass es sich um isolierte Zellen handelte, die auf eigene Faust kämpften. Die Fähigkeit, Angriffe zu koordinieren, sie aufzuzeichnen und die Videos an zentrale Medieneinheiten zu senden, lässt jedoch darauf schließen, dass die Befehlsketten und Kommunikationskanäle der Widerstandsgruppen intakt sind.

Die letzte Invasion in Jabalia, die sich eigentlich gegen einige wenige Zellen richten sollte, dauerte 20 Tage. Israelische Medien zitierten Beamte, ohne sie namentlich zu nennen, mit der Aussage, dass drei verschiedene Hamas-Bataillone kämpften, als seien sie ungeschwächt. Selbst in den letzten Tagen der zweiten Invasion Jabalias feuerte die Hamas Raketen auf Tel Aviv ab, einige angeblich von Abschussrampen, die nur wenige Straßen von den israelischen Panzern entfernt waren. Der Hamas gelang es sogar, einen israelischen Soldaten zu entführen.

Ein Mitglied des Ausschusses für Sicherheit und Außenpolitik des israelischen Parlaments ging an die Öffentlichkeit und sagte am 19. Mai: „Die Wahrheit ist, dass alle Hamas- und Jihad-Bataillone aktiv sind. Die Daten zeigen, dass die Effektivität der Hamas-Einheiten immer noch sehr hoch ist. Die Aussage des Armeeministers über die Zerstörung der meisten Bataillone führt zu einer falschen Interpretation, die zu Verzweiflung führen kann“.

Ein endloser Krieg?

Im Juli letzten Jahres marschierte die israelische Armee drei Tage lang in das winzige Lager von Jenin im Westjordanland ein und verkündete, dass sie den Widerstand dort vernichtet habe. Seitdem hat sie die Stadt und das Flüchtlingslager mehr als 30 Mal überfallen. Anstatt Vernichtung des Widerstandes liegt das Gegenteil vor, der Widerstand hat sich auf andere Städte und Camps in der Region ausgebreitet. In Jenin und weiteren Teilen des Westjordanlands entwickelt er neue Sprengstoffe, Taktiken und baut kleine Tunnel und setzt all das ein.

Wie viel Zeit braucht Israel, um die Hamas in Gaza zu vernichten? Die Bewegung regiert den Gazastreifen seit 2006 und ist aus einer viel stärkeren Position heraus angetreten als ihr Pendant im Westjordanland je hatte. Der ohnehin bescheidene bewaffnete Widerstand im besetzten Westjordanland war 2006 fast verschwunden. Die aktuellen Widerstandszellen dort begannen Ende 2021 mit einigen wenigen Kämpfern und haben es unter einer direkten militärischen Besatzung und einer Palästinensischen Autonomiebehörde, die sich offiziell mit Israel abstimmt, viel schwerer.

Der ehemalige israelische Generalstabschef Gadi Eisenkot sagte am 29.05.2024 (als er noch Mitglied des Kriegskabinetts war) „Es wird 3-5 Jahre dauern, um Gaza zu stabilisieren“. Im Lichte des obigen Vergleichs erscheint diese Zahl nicht sehr realistisch.

Der Schrecken des 7. Oktober in der Luft

Die israelische Regierung und Armee hatten ein klares Ziel: die vollständige Vernichtung der Hamas (und implizit auch anderer bewaffneter Gruppen). Am 06.06.2024 überquerten einige Hamas-Kämpfer den Grenzzaun östlich von Rafah, wo aktuell Tausende von israelischen Soldaten operieren, drangen nach Israel ein und töteten mindestens einen Soldaten.

Noch überraschender war, dass andere Hamas-Kämpfer sich dabei filmten, wie sie von Tulkarem im Westjordanland aus nach Israel eindrangen und in Richtung einer israelischen Stadt schossen. Dies ist in der Tat höchst symbolisch, denn es handelte sich zwar nur um einige wenige Kämpfer mit leichten Waffen, und niemand wurde verwundet, aber Tulkarem grenzt an die zentralen und wichtigsten Teile Israels, und daher wurde angenommen, dass das Gebiet besonders geschützt sei.

Am heutigen Samstag tötete die Hamas 8 israelische Soldaten, die in einem hochentwickelten Transportpanzer unterwegs waren.

Abschluss

Es gibt keine Worte, die das Leid der Palästinenser in den letzten acht Monaten beschreiben könnten, und nichts kann es erträglicher machen. Der Völkermord geht weiter, die Zerstörung jedes Lebensaspekts ist bis jetzt der größte Erfolg der Besatzung. Das angekündigte Ziel Israels von der Zerstörung des militärischen Widerstandes gegen seine Besatzung ist jedoch in weiter Ferne.

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