Die Freiheit löffeln — Weekly Summary, 10.09.2021

Was in der Woche vom 02. — 10.09.2021 im historischen Palästina passierte

Politische Gefangene

Am Montag, 06.09.2021, sind 6 palästinensische Widerstandskämpfer aus dem Hochsicherheitsgefängnis Gilboa in Israel ausgebrochen. Sie flohen durch einen Tunnel, den sie u.a. mit Löffeln über mehrere Monate gegrabenen haben.
EDIT: nach Redaktionsschluss wurden 2 von ihnen wieder verhaftet

Israel reagierte auf den spektakulären Ausbruch mit Gewalt, Kollektivstrafen & Sippenhaft: Mindestens 5 Verwandte der entflohenen Widerstandskämpfer wurden kurze Zeit später einfach verhaftet. Außerdem wurde die unrechtmäßige Abriegelung des gesamten Westjordanlandes anlässlich eines jüdisches Feiertages einfach verlängert. Diese gilt ausschließlich für Palästinenser:innen, nicht jedoch für Israelis, die problemlos weiter ein- & ausreisen dürfen.

Als am Mittwoch, den 8. September 2021, die Besatzungsarmee in Araba, Jenin, einrückte, um die Familien der 6 Geflohenen zu verhaften, versammelten sich Palästinenser:innen in der Gegend & warfen Steine auf die israelischen Militärfahrzeuge, um die Soldat:innen zu verjagen. Die Armee feuerte mit Kugeln, Tränengasgranaten & Blendgranaten zurück. Infolgedessen wurde der Teenager Mohammed N. Abu-Amira (16) durch ein Gummigeschoss am Kopf verletzt: Er erlitt einen Schädelbruch & Hirnblutungen. Sein Zustand wird als äußerst kritisch eingestuft.

Aktuell befinden sich 10 Familienmitglieder der Geflohenen in israelischer Willkürhaft.

Auch die Gefängnisinsassen werden nun Repressalien & verbotenen Kollektivstrafen ausgesetzt & das nicht nur im Gefängnis in Gilboa, sondern auch Ramon, Megiddo etc.: Dutzende wurden/werden gefoltert, grundlos gefesselt & willkürlich in andere Zellen oder gar Haftanstalten verlegt. Familienbesuche sind allen politischen Gefangenen der Besatzung untersagt, die Gefängniskantinen geschlossen & Duschen für Gefangene stark reduziert. Immer wieder werden willkürlich die Zellen aller Gefangenen durchsucht.

Die Gefangenen beginnen daher mit Widerstandsmaßnahmen. Sie beinhalten bspw. das Verweigerung der Kooperation bei der Ausführung der Verlegungsbefehle sowie das Verbrennen einiger Gefängniszellen, um das Personal zu beschäftigen & es zu zwingen, mehr Personal einzusetzen. Berichten zufolge bereiten sich mehr als 2.000 palästinensische Gefangene darauf vor, am Samstag in einen Hungerstreik gegen die neuen Straf-Maßnahmen zu treten. Übrigens: Laut Genfer Konvention dürfen Verhaftete aus den besetzten Gebieten nicht innerhalb Israels festgehalten werden. Israel tut es dennoch.

Eine Solidaritätsdemo mit den palästinensischen Gefangenen vor dem Felsendom im besetzten Jerusalem. Viele brachten Löffel mit. Besetztes Jerusalem, 10.09.2021

Der heutige Freitag wurde als Tag der Wut gegen die Besatzung angekündigt. Palästinensische Bewegungen des bewaffneten Widerstands warnen die Besatzung mit einer “unnachgiebigen” Antwort, sollten die Foltermaßnahmen gegen die Gefangenen nicht aufhören. Die Besatzung ging mit Gewalt gegen Solidaritätsdemonstrationen vor & stürmte unter anderem die Al Aqsa-Moschee & Felsendom in Jerusalem, um die Proteste zu unterbinden. Es gab zahlreiche Verletzte.

Der Gefangene Alaa Alaraj befindet sich nun seit 33 Tagen im Hungerstreik, um gegen seine Administrativhaft — also Willkürhaft ohne Nennung von Gründen oder Beweisen sowie ohne Gerichtsverfahren — zu protestieren. Sein Gesundheitszustand verschlechtere sich massiv. Er hat über 30kg seiner Körpergewichtes verloren, ist nicht mehr in Lage auf seinem linken Bein zu stehen, leidet unter permanenten Kopfschmerzen sowie Schwindel & enormen Magen- & Darmschmerzen. 5 weitere befinden sich ebefalls im Hungerstreik.

Hungerstreiker Alaa Alaraj
Die aktuellen Hungerstreiker sowie die Anzahl der Tage ihres Freiheitskampfes mit leerem Magen — Stand 08.09.2021

Freiluft Gefängnis Gaza

Der Gazastreifen leidet immer noch unter der Totalblockade der israelischen Besatzung. Die totale Abriegelung hält nun das 15. Jahr in Folge an, mit katastrophalen Auswirkungen auf alle Aspekte des Lebens. Die Menschen dürfen ohne israelische Genehmigung weder ein- noch ausreisen, es darf nicht exportiert werden, importiert werden darf nur wenig, die Resultate sind Massenarbeitslosigkeit, ein kollabiertes Gesundheitswesen & Lebensmittelknappheit. Bis jetzt gibt Israel keinen Hinweis auf eine Lösung in der Zukunft, wodurch die Bevölkerung des Gazastreifens ihrer wirtschaftlichen, sozialen & kulturellen Rechte weiter beraubt wird.

Trotz im Mai 2021 verkündeter Waffenruhe: Die wöchentliche Angriffe auf Gazas Fischer blieben auch diese Woche nicht aus. Mehrmals eröffneten Kanonenboote der israelischen Marine das Feuer auf Fischer. Bei einem dieser Angriffe wurde diese Woche Awad Al Sultan durch Kugeln verletzt & musste im Krankenhaus behandelt werden. Bei weiteren Angriffen der letzten 7 Tage wurde niemand verletzt, dennoch mussten die Fischer zurück an die Küste fliehen & konnten folglich ihrer Arbeit nicht nachgehen.

Erneut schoss die israelische Armee auf palästinensische Zivilist*innen im Gazastreifen: Im Grenzgebiet zu Khan Younis, Gazastreifen, eröffnete die isr. Armee das Feuer auf eine Gruppe junger Palästinenser:innen. Dadurch erlitt Ali Al Najjar (17) eine Schusswunde durch scharfe Munition im linken Bein. Er wurde in das Europäische Krankenhaus gebracht, wo sein Zustand als mittelschwer eingestuft wurde.

Einzelne Palästinenser:innen & kleine Widerstandsgruppen sendeten diese Woche erneut Brandballone — mit brenndenden Substanzen gefüllte Kinderballone — & ließen diese gen Israel fliegen. Nach israelischen Medienberichteten lösten sie zahlreiche Brände auf Feldern aus, die gelöscht werden konnten.

Westjordanland

Alltag: Die israelische Besatzungsarmee fiel diese Woche 143 Mal in Ortschaften des Westjordanlandes, einschließlich des besetzten Jerusalem, ein. Diese Übergriffe beinhalteten erneut willkürliche Razzien in zivilen Wohnhäusern, Verhaftungen sowie Schießereien der Soldat*innen, die Angst unter der Zivilbevölkerung hervorriefen. Während der Übergriffe in dieser Woche wurden 62 Palästinenser:innen verhaftet, darunter 10 Kinder. Darunter befindet sich das Kind Aysar Abu Sbitan, der kleine Bruder des gefangenen Aysar Abu Sbitan, welches direkt vor seiner Schule in Jerusalem verhaftet wurde. Die Besatzungskräfte lauerten dem Kind vor dem Schultor auf (s. Video). Sie erhoffen sich, dem Kind Informationen &/oder falsche Geständnisse abzupressen.

Viele dieser Übergriffe der Besatzer stießen auf Widerstand der Bevölkerung, meist nur durch Steine & Feuerwerkskörper der Bewohner:innen, in einigen Fällen mit Moltow-Cocktails.

Jede Form von Protest gegen die völkerrechtswidrige Besatzung, Landraub & Vertreibung wurde von der Besatzung mit massiver Gewalt beantwortet, es kam zu zahlreichen Verletzten. Am Dienstag organisierten Dutzende Bewohner:innen des besetzten Yatta nahe Al Khalil (Hebron) erneut ein friedliches Sit-in, um ihr Land, das von der Beschlagnahmung für die Erweiterung der illegalen Siedlung “Avigal” bedroht ist, zu retten. Die Soldat:innen griffen die Teilnehmer:innen des Sitzstreiks u.a. mit Tränengaskanistern & Blendgranaten an & verhaftete den 72-jährigen Suliman E. Al Hathaleen sowie den Journalisten Mos’ab A. Shawer (28). Sie wurden in die illegale Siedlung “Avigal” gebracht & dort mehrere Stunden festgehalten & verhörten. In dre Woche zuvor wurden bei einem Protest in Yatta 7 Journalisten geschlagen & verhaftet.

Siedlergewalt: Israelische Siedler haben am Donnerstagabend nahe Jerusalem palästinensische Autofahrer angegriffen, Busse beschädigt & die Insassen verletzt. Sie warfen Glasflaschen auf Busse, schlugen die Fenster der ein & attackierten die Fahrer mit Pfefferspray. Dabei riefen sie lauthals “Zakaria ist tot, Zakaria ist tot”. Damit meinten sie wahrscheinlich den palästinensischen Gefangenen Zakaria Zubaidi, einen der 6 Ausbrecher aus dem Gilboa-Gefängnis.

Systematische Vertreibung: Israels Ministerpräsident Naftali Bennet verkündete auf einem Treffen mit Bürgermeistern illegaler israelischer Siedlungen: “Wir werden nicht aufhören, neue Siedlungen zu bauen”. Anfang der Woche sagte er in einem Interview mit der New York Times, dass er nicht zu Verhandlungen mit den Palästinenser:innen bereit sei.

Am Sonntagmorgen, dem 05. September 2021, musste der Palästinenser Fayez Izheiman zum 2. Mal Teile seines Hauses im Stadtteil Beit Hanina im Norden des besetzten Ost-Jerusalem auf Beschluss der israelischen Stadtverwaltung unter dem Vorwand, keine Baugenehmigung zu haben, selbst abreißen. Baugenehmigungen verweigert jedoch die Besatzung Palästinenser:innen in nahezu allen Fällen, während sie gleichzeitig illegale Siedlungen für ausschließlich jüdische Israelis errichtet & nicht in arabische Infrastruktur investiert. Gleichzeitig werden zahlreiche palästinensische Wohnhäuser & Geschäfte zerstört & die Menschen so nicht nur obdachlos gemacht, sondern auch ihrer wirtschaftlichen Grundlage beraubt. Die UN spricht in diesem Zusammenhang von Kriegsverbrechen.

Ebenfalls wurden zur Zerstörung/Teilzerstörung ihres Zuhauses diese Woche gezwungen: Ahmed Younis Abu Wahdan & sein Haus im besetzten Silwan (Jerusalem) sowie Abed Dweik, ebenfalls in Silwan, einem von Siedlern heiß begehrten Jerusalemer Vorort.

Auch die Toten haben keine Ruhe: Die israelische Stadtverwaltung der Besatzung & die israelische Naturbehörde die Zerstörung des Märtyrerfriedhofs nahe des Al Asbat-Tors im Zentrum des besetzten Ostjerusalem wieder auf & brachten Eisenarmierungen & Beton ein, um die Bestattung auf dem Friedhof zu verhindern. Der alte Friedhof soll Teil eines Bibelparks werden, dessen Errichtung völkerrechtswidrig ist.

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