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Die Auflistung des Schmerzes

Nachdem US Präsident Joe Biden die Genauigkeit der vom palästinensischen Gesundheitsministerium veröffentlichten Todeszahlen angezweifelt hatte, veröffentlichte dieses eine Liste mit den Namen getöteter Palästinenser. Neben dem vollen Namen behinhaltet diese auch Alter und Identifikationsnummer der Getöteten. Aufgelistet sind 6.747 Namen, darunter 2.665 Kinder. Würden wir uns für jeden dieser Menschen einen Tag nehmen würden, um zu trauern, müssten wir bis ins Jahr 2042 trauern. Weitere 529 Leichen müssen noch identifiziert werden.

In den letzten 24 Stunden wurden 481 Todesfälle gemeldet, darunter 209 Kinder. Insgesamt wurden seit dem 7. Oktober 7.028 Palästinenser getötet, zu 66 % Kinder und Frauen. In einem Artikel von Dan Weissmann wird gezeigt, dass das erschreckend genau, die demographischen Verhältnisse in Gaza wiederspiegelt. Hier wird keine bewaffnete Organisation angegriffen, sondern ein Bevölkerung in ihrer Gänze.

Etwa 1.600 Menschen, darunter 900 Kinder, werden vermisst und sind vermutlich unter Trümmern begraben.

Die Blockade wird weiter aufrechterhalten. Insbesondere die Einfuhr von Treibstoff ist weiterhin komplett untersagt. Nach Angaben des Roten Kreuzes ist die humanitäre Lage in Gaza katastophal. Der Mangel an Treibstoff mache die Krankenhäuser zu Friedhöfen. Die Menge an Hilfe, die seit letzter Woche in den Gazastreifen gelangt ist, deckt nicht einmal 4% der Bedürfnisse der Menschen vor Ort. UNRWA- Generalkommissar Philippe Lazzarini machte deutlich, dass die Stromversorgung für Krankenhäuser dadurch akut gefährdet sei, zahlreiche Menschen hätten keinen Zugang zu sauberem Wasser und Brot.

Gegen Mitternacht des 25. Oktober forderte das israelische Militär die Bewohner:innen von vier Gebieten in Gaza-Stadt und einem Gebiet im Flüchtlingslager Al Bureij auf, bis 8:00 Uhr nach Al Mawasi an der Küste im südlichen Gazastreifen zu evakuieren. Die Humanitäre Koordinatorin für das besetzte palästinensische Gebiet, Lynn Hastings, betonte am 26. Oktober in einer Stellungnahme, dass “Zivilisten geschützt werden müssen und die notwendigen Mittel zum Überleben haben müssen, wo immer sie sich befinden und ob sie sich entscheiden zu gehen oder zu bleiben”. Und weiter: “Wenn Evakuierungsrouten bombardiert werden, wenn Menschen im Norden wie im Süden dem Krieg ausgesetzt sind, wenn das Überlebensnotwendige fehlt und wenn es keine Garantien für eine Rückkehr gibt, dann bleibt den Menschen nichts anderes übrig als unmögliche Entscheidungen zu treffen. Es gibt keinen sicheren Ort in Gaza”. Etwa 1,4 Millionen Menschen in Gaza sind intern vertrieben, wobei einige 641.000 in 150 UNRWA-Notunterkünften untergebracht sind. Etwa 45 % der Wohnungen im Gazastreifen sind inzwischen zerstört oder unbewohnbar.

Verschiedene Nachrichtenagenturen berichteten von einem bevorstehenden Bodenangriff auf den Gazastreifen. Demnach sollen unter anderem große Mengen an Nervengas in die Tunnel gepumpt werden, um den Gegner zu lähmen.

Am Abend des 27.10. wurden alle Kommunikationswege nach Gaza unterbrochen. Israel hat die Telefonverbindung gekappt, Internet ist nicht länger verfügbar. “La yumkin il wusul — Auf Deutsch: die von Ihnen gewählte Nummer ist nicht erreichbar” ist das einzige, was viele hören, die seit Stunden versuchen ihre Freunde und Familien zu erreichen. “Das wird die schwerste Nacht” berichtet ein Freund von Occupied News mit Familie in Gaza. Auch der Rote Halbmond gab an, den Kontakt zu den Teams in Gaza komplett verloren zu haben.

Es ist schwer zu sagen, was gerade in Gaza passiert, doch es mehren sich Berichte, dass die Angriffe in eine “Neue Phase” übergegangen seien. Ein Berater des israelischen Premierministers kündigte jetzt an: “Wenn dies vorbei ist, wird Gaza komplett anders aussehen. … Unsere militärischen Operationen sind im Gange.” Es wird von “heftigsten Luftschlägen” berichtet, auf Bildern aus Nordgaza ist eine breite Feuerwand zu sehen. Israels oberster Militärsprecher sagte gegenüber Reuters, Israel würde die Luft- und Bodenaktivitäten verstärken. Die befürchtete Bodenoffensive, sie könnte begonnen haben. Der Jordanische UN Gesandte schrieb auf Twitter: “Israel hat soeben einen Bodenkrieg gegen Gaza begonnen. Das Ergebnis wird eine humanitäre Katastrophe epischen Ausmaßes für die kommenden Jahre sein”.

Auch die Angst vor einem Angriff auf das größte Krankenhaus in Gaza wächst. Die Besatzungsarmee behauptete öffentlich, in dem Krankenhaus wäre das Hauptquartier der Hamas untergebracht. Der Leiter des Krankenhauses widersprach entschieden. Von Palästinenser:innen wird das als Vorbereitung eines bevorstehenden Angriffs gedeutet. In dem Krankenhaus suchen aktuell mehr als 5000 vertriebene Palästinenser:innen Schutz.

International:
Eine deutliche Mehrheit von 120 Staaten unterstützte in der heutigen UN Dringlichkeitssitzung die Verabschiedung einer Resolution mit der Forderung nach einem sofortigen und dauerhaften humanitären Waffenstillstand. 45 Staaten enthielten sich (darunter auch Deutschland), 14 stimmten dagegen (darunter Österreich).

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