Dass Deutschland Esel aus dem Gazastreifen aufnimmt, um sie zu behandeln, sorgt für Empörung. Denn verletzten und kranken Kindern wird dies von der Bundesregierung verwehrt. Es geht jedoch um mehr als Zynismus, denn Esel sind zentral für Gazas Überleben.
Foto: Ashraf Amra – Anadolu Agency
Die Nachricht liest sich wie ein makabrer Scherz – ist es aber nicht. „Aus Gaza gerettete Eselchen finden ein Zuhause in Oppenheim“, berichtet die Allgemeine Zeitung. Auf Instagram wurde die Kommentarfunktion zu diesem Beitrag aufgrund „zahlreicher unangemessener und hasserfüllter Kommentare“ schnell deaktiviert – gemeint sein dürften vor allem Kommentare, die die Aufnahme der vier Esel kritisieren. Aber was ist der Hintergrund?
Animals Welcome – (Palestinian) Refugees not!
Für viele ist die Geschichte der vier aus Gaza „geretteten“ Esel ein weiterer Beweis für den unmenschlichen Zynismus der deutschen Politik. Denn seit Oktober 2023 wurden kaum Menschen aus Gaza von Deutschland aufgenommen. Berlin hat es auch nicht als Pflicht angesehen, palästinensische Staatsbürger mit deutschem Pass vor dem Völkermord in Gaza zu retten, obwohl das Außenministerium die Pflicht hat, eigene Staatsangehörige aus Kriegs- und Krisengebieten zu evakuieren. Unterdessen hat Deutschland sogar Israelis, die während der „Al-Aqsa-Flut“-Operation im Oktober 2023 gefangen genommen wurden, die Staatsbürgerschaft verliehen und sich lautstark für ihre Freilassung als „deutsche Geiseln” eingesetzt.
Während verschiedene westliche Länder in den letzten Monaten – etwa Spanien bereits im Sommer 2024 – Gruppen von verletzten oder kranken Kindern aus Gaza zur medizinischen Behandlung aufgenommen haben, hat Deutschland fast nichts unternommen. Es wird angenommen, dass in mehr als zwei Jahren nur zwei Kinder aus Gaza in Deutschland behandelt wurden. Mehrere deutsche Städte hatten angeboten, eine größere Anzahl von Minderjährigen aus Gaza aufzunehmen, und sich darauf vorbereitet – doch die Bundesregierung blockierte diese Pläne mit der Begründung, die Lage in Gaza sei auch nach dem offiziellen Waffenstillstand „sehr unübersichtlich und nicht berechenbar“. Das Auswärtige Amt und das Innenministerium verwiesen außerdem auf „aufwändige Verfahren“ und die Notwendigkeit, begleitende Familienangehörige zu überprüfen. NGOs, die Patienten aus dem Ausland helfen, müssen die Rückkehr der Patienten und ihrer Begleitpersonen garantieren; wenn später Asyl beantragt wird, müssen die NGOs die Kosten für das oft mehrjährige Gerichtsverfahren übernehmen.
Selbst der Artikel in der Allgemeinen Zeitung veranschaulicht die groteske Doppelmoral in der deutschen Debatte über Gaza. Der Artikel beginnt mit den Worten: „Sie haben Hunger und Elend, Schläge und Schinderei hinter sich gelassen“. Lassen wir einmal beiseite, dass dieser erste Satz dem Leser suggeriert, dass die „bösen Ghazawis“ nicht nur alle potentielle „Hamas-Terroristen“ und „Judenhasser“ sind, sondern auch noch Tierquäler. Stattdessen sei darauf hingewiesen, dass die systematische Folter von Palästinensern durch die israelische Armee, die im jüngsten Bericht des Palästinensischen Zentrums für Menschenrechte (PCHR) wieder einmal ausführlich dokumentiert wurden, in den deutschen Medien nicht einmal eine Erwähnung wert sind. Das in diesem Artikel gezeigte Mitgefühl für Esel übersteigt bei weitem das, was den Menschen in Gaza in den letzten zwei Jahren entgegengebracht wurde. Es überrascht nicht, dass der Artikel nicht erwähnt, wer für den Hunger der Esel – oder die Entbehrungen von fast zwei Millionen Palästinensern – verantwortlich ist.
In dem Artikel wird sich gefreut, dass die Esel, „dafür, dass sie so viel Schlimmes erlebt haben, erstaunlich zutraulich sind“ und bereits „ein bisschen aufgeblüht sind“. Eine vergleichbare Aufmerksamkeit für den psychischen Zustand der menschlichen Bevölkerung in Gaza findet sich in den deutschen Medien so gut wie gar nicht.
Deutschland betreibt Greenwashing des Völkermords
Es gibt jedoch noch eine weitere Dimension jenseits des offensichtlichen Zynismus: die Geschichte, wie diese Esel nach Deutschland gekommen sind. „Diese Esel waren bereits herrenlos, verletzt, misshandelt oder dem Tod geweiht“, berichtet die Tiergartenleitung. (Man erfährt nichts darüber, warum sie herrenlos wurden oder was mit ihren ursprünglichen Besitzern passiert ist.) Die Tiere wurden von israelischen Tierschutzorganisationen „gerettet“ – genauer gesagt von einer Gruppe, die Berichten zufolge „50 Esel aus Gaza gerettet“ hat. Wie eine israelische NGO in einem aktiven Kriegsgebiet operiert, ist unklar, aber ohne Koordination mit der IDF dürfte es kaum möglich sein.
Bereits im vergangenen Sommer gab es Medienberichte, wonach die israelische Armee Hunderte von Eseln aus Gaza zu einer Farm namens „Starting Over Sanctuary“ transportierte. Die israelischen Medien bezeichneten dies als „Tierrettung“. Nach Angaben der Belgischen Nachrichtenagentur gab es bis Anfang August zehn solcher Transporte. Die israelische „Hilfsorganisation“ rühmt sich, rund 600 Esel „gerettet“ zu haben.
In einem weiteren Bericht über vier weitere Esel, die auf eine Ranch in Niedersachsen gebracht wurden, wird offenbart, dass die Organisation „Starting Over Sanctuary“ tatsächlich hinter den Transporten nach Deutschland steckt. Der Artikel behauptet außerdem: „Die Esel hätten schwer arbeiten müssen, seien sehr schlecht behandelt worden, hätten keinerlei Rechte. Krankheiten werden nicht behandelt.“
Seit dem Völkermord in Gaza sind Esel zu einer unverzichtbaren Transportressource geworden. Angesichts von Treibstoffknappheit und zerstörten Straßen transportieren sie zuverlässig Verletzte und Kranke zu Kliniken, befördern Menschen und Habseligkeiten während der Flucht oder bei der Rückkehr nach Hause und liefern lebenswichtiges Wasser, Lebensmittel und Vorräte. Statt sinnlos misshandelt oder dem Tod überlassen zu werden, werden kranke und verletzte Tiere in Gaza vielmehr behandelt und gerettet. Ein Bericht des Guardian vom April 2025 stellte fest, dass ein allein einziges medizinisches Team seit Oktober 2023 über 7.000 Esel gerettet hat. Unterdessen wies der Journalist Tarek Baé auf X darauf hin, dass laut UN bereits im August 2024 rund 43 Prozent aller Nutztiere in Gaza infolge des Vernichtungskrieges Israels getötet wurden.
Vor diesem Hintergrund erscheint die „Rettung“ von Eseln durch israelische Akteure eher als Diebstahl oder Entführung. Sie ist Teil der laufenden Strategie der IDF: Den Palästinensern die Produktions- (insbesondere Land und Olivenbäume) und Transportmittel zu entwenden, ist von zentraler Bedeutung für die kolonialistische Kontrolle und die systematische Vertreibung der Palästinenser. Ökologische Rechtfertigungen werden seit langem verwendet, um diese Agenda zu verschleiern. Kritiker sprechen auch von „Environmental Warfare“ (etwa: Umweltkrieg): von der Baumpflanzung durch den Jüdischen Nationalfonds (JNF) über die Schaffung von Naturschutzgebieten, die Palästinenser vertreiben und ihre Leben gefährden, bis hin zur vorgeblichen „Rettung“ der Esel in Gaza. Deutschland unterstützt nun die ethnische Säuberung der Palästinenser und den Völkermord in Gaza nicht nur politisch, wirtschaftlich, durch Waffenlieferungen an Israel und durch die Verweigerung von Hilfe für die Bewohner Gazas, sondern auch durch die Zerstörung der letzten Lebensgrundlagen im Gazastreifen unter dem Deckmantel des „Greenwashing“.
Dieser Text ist eine Übersetzung eines Artikels von Leon Wystrychowski, der bei Middle East Monitor erschien. Wir haben ihn in Absprache mit dem Autor redaktionell leicht bearbeitet.
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