Der Parallelkrieg im Westjordanland — Eine Bilanz

Der Parallelkrieg im Westjordanland — Eine Bilanz

Während sich alle Welt auf die Situation in Gaza konzentriert, hat die israelische Besatzung ihre Aggression im Westjordanland massiv ausgeweitet. Dieser Artikel zieht Bilanz.

Inmitten seiner anhaltenden Aggression gegen den Gazastreifen seit dem 7. Oktober eskalierte Israel seine parallele Aggression gegen das besetzte Westjordanland und nutzte dabei seine internationale Unterstützung, um den Widerstand gegen die Besatzung zu beseitigen, der in vielen Städten und Flüchtlingslagern gewachsen war, insbesondere im nördlichen Westjordanland. So verwandelte sich das Westjordanland im Laufe von 74 Tagen in einen Schauplatz eines rund um die Uhr andauernden Krieges, in dem die Formen der von den Besatzungsmächten begangenen Verbrechen unterschiedlich sind, insbesondere deren Rückgriff auf Hinrichtungen, Attentate und Tötungen unter freiem Himmel, was einer großen Zahl von getöteten Palästinenser:innen führte.

Hinrichtungsgelände

Seit Beginn der israelischen Angriffswelle hat das Westjordanland etwa 301 Tote betrauert, während etwa 3.450 weitere Palästinenser:innen verschiedene Verletzungen erlitten haben. Unter den Getöteten, von denen 33 von Israel bisher festgehalten & nicht zur Bestattung freigegeben werden, befinden sich 70 Kinder, 5 ältere Menschen und 5 Gefangene.

Die Besatzungsarmee verübt wieder Attentate und Bombenangriffe, die zum Tod von 53 Palästinenser:innen führten, während bei den Erstürmungen von Städten und Flüchtlingslagern blutige Massaker verübt wurden, bei denen 152 Palästinenser:innen ermordet wurden.

Jenin war seit dem 7. Oktober etwa 15 Überfällen und einer groß angelegten Militäroperation ausgesetzt, zu der auch umfangreiche Attentate, Bombenanschläge, Bulldozer und Zerstörungen gehörten, die das Stadtbild veränderten. Jenin verzeichnete mit 74 Toten auch die größte Zahl an Opfern, gefolgt vom Gouvernement Tulkarm, in dessen beiden Flüchtlingslagern, Nour Shams und Tulkarm, 50 Palästinenser:innen getöteten wurden, dann Nablus mit 38 Getöteten und Qalqilya sowie Tubas mit jeweils 21 Todesopfern.

Verhaftungen eskalieren

Ebenso starteten die Besatzungstruppen eine Verhaftungskampagne, die größte im Westjordanland, begleitet von Schikanen, schweren Schlägen, Hausdurchsuchungen und Drohungen gegen politische Häftlinge und ihre Familien sowie weit verbreitetem Vandalismus und der Zerstörung von Wohnhäusern. Die Zahl der Inhaftierten erreichte nach dem 7. Oktober mehr als 4.605, hinzu kommen Hunderte Fälle von Festnahmen und gewaltsamem Verschwindenlassen aus dem Gazastreifen, zu denen auch Hinrichtungen und Morde gehören.

Dieser Angriff erstreckt sich auch auf Gefängnisse, die sich in eine unerträgliche Hölle verwandelten, in der Gefangene verschiedene Arten von Übergriffen erleiden, bis hin zur direkten Tötung. Die Aussagen von Gefangenen und Familienangehörigen zeigen, dass die Gefängnisleitung grausame Folter begeht, die zum Tode führt, darunter schwere Schläge mit Gewehrkolben, außerdem extrem widrige Lebensbedingungen in Haft und die von der Besatzungsmacht verfolgte Politik des Aushungerns. Den Gefangenen wird nur so viel Nahrung zur Verfügung gestellt, dass sie stehen können. Auch während der Busfahrt werden sie grausamen Folterungen ausgesetzt, begleitet von Beleidigungen und Flüchen.

Siedlerterrorismus

Während des Krieges entfesselte die Besatzungsarmee den Siedlerterrorismus im Westjordanland, der zum Tod von 13 Palästinenser:innen durch Kugeln führte. Außerdem verstärkten Siedler:innen ihre Versuche, Palästinenser:innen mit Unterstützung und Deckung der Besatzungspolizei und -armee aus ihren Häusern zu vertreiben. Dies geschah in vielen Beduinengemeinden, deren Einwohner:innen nun vertrieben wurden. Das Büro der Vereinten Nationen für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (OCHA) berichtete letzten Monat, dass seit dem 7. Oktober „fast 1.000 Palästinenser:innen gewaltsam aus ihren Häusern im Westjordanland vertrieben wurden“, eine Zahl, die seit der Veröffentlichung des Berichts zwangsläufig gestiegen ist. Nach Angaben der „Mauer- und Siedlungswiderstandskommission“ der palästinensischen Regierung leben etwa 30.000 Palästinenser:innen in etwa 250 palästinensischen Gemeinden im Gebiet C des Westjordanlandes, denen die Vertreibung droht, und einige von ihnen wurden bereits vertrieben, während sich die Siedlungserweiterung verdoppelte.

Parallel dazu weitete Israel die Bewaffnung der Siedler:innen aus. Den verfügbaren Informationen zufolge wurden in weniger als acht Wochen (bis Ende letzten November) 26.000 neue Waffenlizenzen vergeben, während weitere 44.000 Israelis eine „bedingte Genehmigung“ erhielten. Während mittlerweile eine halbe Million Anträge auf dem Tisch liegen, dauert das Vorstellungsgespräch zur Erlangung eines Waffenscheins nur noch 20 Sekunden und findet am Telefon statt.

Widerstand ist vorhanden

Vor Beginn der Aggression gegen den Gazastreifen machten sich die Besatzungskreise Sorgen über eine mögliche Explosion der Lage im Westjordanland, wo sich die Auseinandersetzungen zwischen Besatzern und Besetzten vor dem 7. Oktober verschärft hatten — inmitten einer Beschleunigung der Bildung bewaffneter Widerstandsgruppen und der Zunahme von Guerilla-Operationen, bei denen Soldaten und Siedler getötet wurden.

Vor diesem Hintergrund verstärkte Israel im Zusammenhang mit dem Krieg seine Einfälle und Angriffe im Westjordanland, während die USA großen Druck auf die Palästinensische Autonomiebehörde ausübten, um die „Stabilität“ der Lage dort aufrechtzuerhalten. Trotz dieser Bemühungen kam es im Westjordanland zu Widerstandsoperationen, die den Tod vieler Soldat:innen und Siedler forderten. Erwähnenswert sind hierbei eine Schießerei, die Rekrutierung einer Spezialeinheit und die Detonation eines Sprengsatzes in der Nähe des Dorfes Beit Lid im Gouvernement Tulkarm, was nach Geständnissen der Besatzungsmitglieder zum Tod eines Soldaten und zur Verwundung von sechs Menschen führte.

Ebenso konfrontierten Widerstandskämpfer die Besatzungstruppen während ihrer Erstürmung palästinensischer Städte und Flüchtlingslager, ähnlich wie es Tage zuvor bei Zusammenstößen mit dem Widerstand im Flüchtlingscamp Jenin geschah, bei denen sieben israelische Soldaten verletzt wurden. Obwohl es keinen Vergleich zwischen dem, was das Westjordanland erlebt, und dem anhaltenden Völkermord in Gaza gibt, scheint es so, dass die israelische Eskalation im Westjordanland nicht nachlassen wird, selbst wenn im Gazastreifen ein Waffenstillstand erreicht wird.

Dieser Artikel von Ahmad Al Abd erschien am 20.12.2023 unter dem Titel “جردة للحرب الموازية في الضفة: حصيلة ثقيلة لا تلجم المقاومة” im Nachrichtenmagain Al Akhbar.

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