Der Gaza-Krieg mit den Augen einer 12-Jährigen

Der Gaza-Krieg mit den Augen einer 12-Jährigen

Dieser Artikel erschien am 05.12.2023 unter dem Titel “ ‘A young girl died in front of us’: The Gaza war through the eyes of a 12-year-old” im Online-Nachrichtenmagazin Middle East Eye. Hier veröffentlichen wir unsere deutsche Übersetzung.

Die 12-jährige Farah erzählt von der traumatischen Flucht vom Norden des Gazastreifens in den Süden, als ihre Familie verzweifelt Zuflucht vor israelischen Angriffen suchte

Von dem Moment an, als Farah ihre Augen öffnete, lebte sie im größten Freiluftgefängnis der Welt. Ich kann nicht glauben, dass sie erst 12 Jahre alt ist. Da sie bereits drei israelische Angriffe auf den Gazastreifen miterlebt hat, weiß sie mehr über Krieg als über Frieden.

Farah verfolgt die Nachrichten, kennt die Namen palästinensischer und israelischer Politiker und hat die Vierte Genfer Konvention und die Kriegsgesetze studiert. Die Szenen, die sie beschreibt, sollten jedes Kind zu Recht mit Angst und Traurigkeit erfüllen — aber nicht mehr Farah. Heute scheinen ihr die anhaltenden Schrecken gleichgültig zu sein. Für viele Kinder in Gaza sind diese Szenen beängstigend normal geworden.

Im Folgenden schildert Farah den aktuellen Krieg, von der Bombardierung ihres Hauses bis zur Entscheidung ihrer Familie, in den südlichen Gazastreifen zu fliehen. — Hala Alsafadi

Unser Haus wurde bombardiert. Ich erinnere mich nicht mehr an das genaue Datum. Ich weiß nicht mehr, welcher Tag heute ist; ich weiß nur, dass wir uns seit etwa zwei Monaten im Krieg befinden.

Wir wohnten in der Nähe des Quds-Krankenhauses im Gaza-Viertel Tel Al Hawa. Mein Vater beschloss, dass wir alle zum Krankenhaus gehen würden, weil er dachte, dort sei es sicher. Wir konnten zunächst nicht in den Süden gehen, weil mein Vater keine Unterkunft für uns finden konnte — aber ehrlich gesagt hatten wir sowieso zu viel Angst, nachdem wir Videos von Menschen gesehen hatten, die auf ihrer Flucht von Israel getötet wurden. Einige Menschen, die wir aus dem Norden kannten, sind im Süden gestorben.

Das Leben im Krankenhaus während des Krieges war eine schreckliche Erfahrung. Es fühlte sich an, als ob ich auf den Tod warten würde. Alle im Krankenhaus waren verängstigt.

Mit meiner älteren Schwester, die 16 Jahre alt ist, schlief ich mit den anderen Frauen auf den Fluren im Obergeschoss, während mein Vater und mein Bruder im Erdgeschoss bei den Männern blieben. Die Nacht war am unheimlichsten: Israel bombardiert viel in der Nacht, und weil es so ruhig ist, fühlen sich die Bomben extrem laut und nah an.

Jemandem beim Sterben zusehen

Meine Eltern sind geschieden. Ich war bei meinem Vater, als der Krieg begann; das Haus meiner Mutter wurde ebenfalls bombardiert, sie musste in das Haus einer Freundin in einem anderen Gebiet fliehen. Jede Nacht wünschte ich mir, bei meinem Vater und meinem Bruder zu sein, aber wir konnten nicht zwischen den Stockwerken des Krankenhauses hin und her gehen.

Ich wusste nicht, ob ich meine Mutter jemals wiedersehen würde. Als ich sie das letzte Mal sah, habe ich mich nicht richtig von ihr verabschiedet. Ich wollte immer noch mit meiner Mutter kuscheln, aber ich machte mir auch Sorgen um sie. Was wäre, wenn sie vor mir sterben würde? Wir wissen nicht, wer sicherer ist. Einmal habe ich drei Tage lang keinen Kontakt zu meiner Mutter gehabt, weil das Telefonsignal im Krankenhaus zu schwach war.

Israelische Soldaten riefen immer wieder im Krankenhaus an und forderten uns auf, zu evakuieren. Die Ärzte waren so stark. Sie sagten, sie würden die Verletzten nicht allein lassen.

Tel Al Hawa stand unter ständigem, schwerem Bombardement. Ich wusste nicht, welche Gebäude sie trafen, aber ich konnte alles hören. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass es noch etwas zu bombardieren gab — aber die Bomben fielen trotzdem.

Eines Nachts begannen israelische Panzer, das Krankenhaus zu belagern und wir konnten nicht schlafen — nicht einmal eine Sekunde lang. Wir hörten die Panzer, die sich bewegten. Ein junges Mädchen schaute aus dem Fenster und wurde sofort von einem israelischen Scharfschützen erschossen. Sie starb vor unseren Augen. Das war das erste Mal, dass ich jemanden vor meinen Augen sterben sah. Ihre Mutter weinte die ganze Nacht. Danach traute sich niemand mehr in die Nähe der Fenster. Ich habe in dieser Nacht mehr geweint als je zuvor.

Israel wollte, dass wir das Krankenhaus evakuieren, nannte aber keine Einzelheiten. Wir wussten nicht, wie wir rauskommen sollten. Die Soldat:innen schossen auf alles, was sich bewegte. Die Ärzte sagten uns, dass sich das Rote Kreuz mit Israel koordiniert hatte und sie auf ein “Signal” von Israel warteten, dass wir das Krankenhaus sicher verlassen konnten.

Das Warten auf dieses Signal war unerträglich, aber es gab mir Hoffnung. Stunden vergingen; als die Sonne aufging, befanden wir uns immer noch in den dunklen und engen Gängen des Krankenhauses. Dann, kurz vor 9 Uhr, erhielten wir das Signal.

Eine andere Nakba

In der Schule haben wir alles über die palästinensische Nakba von 1948 gelernt. Wir sahen Filme darüber, wie die Palästinenser:innen vertrieben und getötet wurden. Wir erfuhren von den Massakern, die in den Dörfern stattfanden. Ich hatte das Gefühl, dass ich jetzt in denselben Filmen zu sehen bin.

Ich finde es sehr traurig, dass unsere Geschichte eines Tages im Geschichtsunterricht gelehrt werden wird. Werde ich wie diese Großmütter sein und meinen Enkeln erzählen, wie wir aus unseren Dörfern fliehen mussten, weil sie uns umbrachten?

Schließlich wurden wir aus dem Krankenhaus entlassen. Ich rief meine Mutter an, um ihr mitzuteilen, dass wir auf dem Weg in den Süden waren, und hoffte, sie dort zu treffen. Ich erzählte ihr, dass vor mir auf der Treppe des Krankenhauses eine Leiche lag. Sie weinte und bat mich, nicht hinzusehen. Aber ich sah die ganze Zeit hin, während ich wegging.

Zusammen mit Hunderten anderer Menschen, die an diesem Morgen geflohen waren, nahmen wir die Salah Al Din Straße, wie von den israelischen Streitkräften angeordnet. Wir liefen lange Zeit, von etwa 9 Uhr morgens bis 14 Uhr nachmittags. Ich hatte das Gefühl, dass mein Herz jeden Moment aufhören würde zu schlagen. Manchmal schloss ich beim Gehen die Augen, weil ich nicht wollte, dass das alles wahr ist. Aber ich wollte auch meine Augen offen halten. Was wäre, wenn israelische Soldat:innen meinen Vater oder meine Geschwister erschossen hätten?

In bestimmten Gebieten, in denen israelische Soldat:innen oder Panzer versammelt waren, durften wir uns nicht umsehen. Wir mussten mit erhobenen Händen gehen, die Erwachsenen hielten ihre Ausweise in einer Hand. Wir durften weder eine Wasserflasche aus unserer Tasche nehmen, noch einen Schluck Wasser trinken. Wenn wir unsere Hände bewegten oder etwas anfassten, riskierten wir, erschossen zu werden. Ich hatte überhaupt keinen Hunger, aber ich war sehr durstig.

Checkpoints & Leichen

An einem Punkt unserer Reise hielten israelische Soldat:innen zwei junge Männer fest. Sie wählten sie offenbar willkürlich aus und forderten sie mit vorgehaltener Waffe auf, sich bis auf die Unterwäsche auszuziehen. Sie ließen einen Mann zu uns zurückkommen und nahmen den anderen fest. Wir wissen nicht, was mit ihm geschehen ist. Seine Familie weinte den Rest des Weges. Ich fürchtete, israelische Soldat:innen würden meinen Vater oder meinen Bruder verhaften.

Israel hat auch Checkpoints eingerichtet, an denen wir durch einen Detektor gehen müssen, der unser Gesicht scannt. Ich befürchtete, dass einer von uns erschossen werden würde, als zwei israelische Soldat:innen versuchten, uns zu provozieren, indem sie schrien: “Dankt uns und dankt der Hamas dafür.” Aber die Leute sagten sich gegenseitig, dass sie ignorieren sollten, was sie sagten, um sich in Sicherheit zu bringen.

Je weiter wir liefen, desto mehr Leichen sahen wir auf dem Boden. Ich sah eine Frau neben einem kleinen Jungen liegen. Einige Leichen waren mit Decken zugedeckt. Es gab auch verbrannte Autos mit verbrannten Leichen darin.

Als wir südlich von Wadi Gaza ankamen, warteten Dutzende von Palästinenser:innen auf uns und sagten uns, dass wir jetzt in Sicherheit seien. Sie gaben mir einen kleinen Erdbeersaft und einen Schokoladenkeks. Ich saß auf dem Boden und konnte mich eine Zeit lang nicht bewegen. Ich drückte meinen Vater ganz fest und fing an zu weinen.

Mein Vater sagte mir, ich müsse stark sein. Wir sind wieder aufgestanden und haben es bis zu einer UN-Schule geschafft.

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