Das Westjordanland brodelt

Seit Oktober hat Israel mindestens 28 Palästinenser, darunter 6 Teenager & Kinder, im völkerrechtswidrig besetzten Westjordanland getötet. Im gleichen Zeitraum wurden zwei israelische Besatzungssoldat:innen durch palästinensische Widerstandskämpfer getötet. Ganze Städte & Gemeinden wurden daraufhin von den Besatzungskräften abgeriegelt, fast eine halbe Million Palästinenser:innen sind nun seit über 2 Wochen belagert & von der Außenwelt abgeschnitten. Soldat:innen richteten zahlreiche Widerstandskämpfer hin & erschossen bei ihren Überfällen auch Kinder, Siedler begehen Pogrome gegen die palästinensische Zivilbevölkerung, während der palästinensische Widerstand verstärkt israelische Militärcheckpoints angreift. Israel ist fest entschlossen, eine neu entstandene palästinensische Widerstandsbewegung gegen seine völkerrechtswidrige Besatzung auszumerzen.

Shufat seit dem 08. Oktober

Am israelischen Militärcheckpoint, der das palästinensische Flüchtlingslager Shufat von seiner Umgebung trennt, schoss ein Palästinenser auf die dort stationierten Soldat:innen, wobei eine von ihnen, Noa Lazar (18), getötet wurde. Daraufhin riegelte Israels Armee das gesamte Flüchtlingslager Shufat & das benachbarte Viertel Anat im besetzten Jerusalem vollständig ab. Circa 150.000 Menschen wurden komplett eingesperrt — eine Kollektivbestrafung, die nach internationalen Maßstäben verboten ist.

Kranke können nicht nach draußen gehen, um behandelt zu werden, Bäckereien sind leer, es gibt Engpässe bei Lebensmitteln, einige Ärzte & Krankenschwestern konnten nicht in das Lager hinein. Eine schwangere Frau musste ihr Kind im Auto zur Welt bringen, aus dem Lager raus & ins Krankenhaus durfte sie nicht. Die Einwohner:innen reagierten mit Maßnahmen des zivilen Ungehorsams. Menschenrechtsorganisationen verurteilten diese Kollektivstrafen, die gemäß internationalem Recht verboten sind. Palästinenser:innen riefen zu einem Generalstreik auf, der nicht nur das Westjordanland, sondern auch die Palästinenser:innen innerhalb Israels mit israelischer Staatsangehörigkeit mit einschloss.

Einige Einwohner:innen von Shufat & Anat starteten bewaffnete Widerstandsaktionen gegen die israelische Armee, Palästinenser:innen in Ramallah & Nablus gingen auf die Straßen in Solidarität mit ihnen.

Der Kämpfer, die für den Tod der Besatzungssoldatin verantwortlich ist, konnte entkommen. Er stellte sich später als Uday Al Tamimi heraus.

Während die israelische Besatzungsarmee nach ihm suchte, ging schnell die Information um, der Gesuchte habe eine rasierte Glatze. In einem Akt der Solidarität & um den israelischen Besatzern die Suche zu erschweren & den Widerstandskämpfer zu schützen, rasierten sich zahlreiche junge palästinensische Männer den Kopf, wofür die Friseure keine Bezahlung annahmen. Weitere Tausende posteten auf Social Media immer wieder den Namen Uday oder sprachen ihn in Telefonanrufen aus, um die israelischen Massenüberwachungssysteme zu verwirren, zahlreiche israelische Überwachungskameras, die Uday hätten aufspüren können, wurden gezielt von palästinensischen Zivilist:innen zerstört.

Uday Al Tamimi war 10 Tage lang auf der Flucht & konnte unbemerkt aus Shufat entfliehen. Am 10. Tag verübte er einen weiteren Angriff auf einen israelischen Militärcheckpoint, wobei er getötet wurde. Das Video seines Todes, das von der israelischen Armee verbreitet wurde, löste eine massive Trauerwelle aus. Viele Städte traten in einen Generalstreik, um um ihn zu trauern. Das Video zeigt, wie er allein auf viele schwerbewaffnete israelische Soldaten schoss &, nachdem er selbst viele Schussverletzungen erlitten hatte, weiterkämpfte, ohne sich zu ergeben. Uday Al Tamimi war ein Einzelkämpfer, der keiner bestimmten Gruppierung angehörte.

https://twitter.com/rdooan/status/1582805135730020352

“Ich bin der flüchtige Oday Al Tamimi aus dem Flüchtlingslager Shufat. Die Operation, die ich am Militärcheckpoint Shufat durchgeführt habe, ist nur ein Tropfen im stürmischen Meer unseres Kampfes. Ich weiß, dass ich früher oder später getötet werden werde & ich weiß, dass ich allein Palästina nicht befreit haben werde. Aber ich habe die Aktion mit einem klaren Ziel durchgeführt, nämlich Hunderte von jungen Palästinensern zu mobilisieren, die Waffe nach mir zu tragen. — Der Flüchtige Oday Al Tamimi, 11.10.2022”

Die Belagerung Shufats hielt eine Woche an. Seit gestern ist der Checkpoint wieder gesperrt. Damit ist die Situation für die etwa 150.000 Menschen im Lager wieder wie zuvor: sie sind alle eingesperrt unter unmenschlichen Bedingungen.

Nablus seit dem 03. Oktober

Seit 2 Wochen befindet sich Nablus im besetzten Westjordanland ebenfalls unter einer kompletten Belagerung bzw. Abriegelung. Was zunächst als eine Belagerung fanatischer Israelis & Siedler während des diesjährigen jüdischen Yom Kippur-Festes Anfang Oktober begann, wurde nun zu einer brutalen Militärblockade. Nablus, in dem über 425.000 Menschen leben, die sich auf vier Flüchtlingslager, 55 Dörfer & eine Stadt verteilen, befindet sich seit über 2 Wochen ununterbrochen unter strenger israelischer Abriegelung & Blockade.

Die Siedler im Westjordanland sind aktiver denn je. Nach Angaben der israelischen Sicherheitsbehörden haben sie allein in den zehn Tagen zwischen dem 11. und 20.Oktober diesen Jahres mehr als 100 Angriffe auf palästinensische Zivilist:innen verübt. Die Siedler:innen nehmen oft ihre Familien zu diesen Angriffen mit & werden von der israelischen Armee eskortiert & bei den Angriffen unterstützt. Kein Siedler wurde bestraft.

Während dieser Zeit, am 11. Oktober, wurde der israelische Besatzungssoldat Ido Baroukh (21) an einem Militärcheckpoint nahe der illegalen Siedlung Shavei Shomron bei Nablus getötet. Die Angriffe auf die regelmäßig Nablus überfallenden Soldat:innen nehmen schon länger zu. In der Altstadt von Nablus bildete sich eine neue bewaffnete Widerstandsgruppe heraus: Die Löwenhöhle (arb. Areen Al Ussud).

Die Widerstandsgruppe Löwenhöhle besteht aus jungen Palästinenser:innen, welche Guerillia-Taktiken im Kampf gegen die israelische Besatzung anwenden. Sie trat im August 2022 zum ersten Mal in der Öffentlichkeit auf, nachdem Ibrahim Al Nabulsi, genannt der Löwe von Nablus, von den Besatzern getötet wurde.

Die Widerstandsgruppe stammt aus dem besetzten Westjordanland, hauptsächlich aus Nablus & genießt zunehmende Popularität. Viele sehen in ihr einen Hoffnungsschimmer gegen die seit Jahren weiter zunehmende Gewalt, Vertreibung & Unterdrückung durch die Besatzung. Die kämpfende Gruppe ist fraktionsübergreifend; die Mitglieder haben in Erklärungen verlautbart, dass sie keiner Partei angehören, dass sie sich von Fraktionszwistigkeiten abgewandt haben & sich stattdessen auf den Kampf gegen die israelische Besatzung konzentrieren. Am 16. Oktober erklärte Yair Lapid daher die Operation “Break the Wave” (dt: Breche die Welle), um die Widerstandsgruppe zu bekämpfen. Mind. 28 Palästinenser fielen bisher dieser Operation zum Opfer, darunter nicht nur Widerstandskämpfer, sondern auch mehrere Kinder & weitere am bewaffneten Widerstand unbeteiligte.

Am 23. Oktober wurde der Widerstandskämpfer Tamer Al Kilani von israelischen Behörden ermordet, als ein an einem abseits der Straße geparkten Motorrad befestigter Sprengsatz in der Altstadt von Nablus detonierte, als er daran vorbeiging. Am 25. Oktober tötete die Besatzungsarmee 3 Mitglieder der Löwenhöhle: Hamdi Sobeih Qayyem (30), Wadee Sobeih Al Houh (31), & Mishal Baghdadi (27) sowie zwei weitere Palästinenser, die unbewaffneten Friseure Hamdi Sharaf (35) & Ali Antar (26), die auf dem Nachhauseweg von ihrer Arbeit waren. Bei einer Militärrazzia nahe Ramallah wurde am selben Tag der 19-jährige Zivilist Qusay Al Tamimi von einer israelischen Kugel tödlich in die Brust getroffen. Im gesamten besetzten Westjordanland & im belagerten Gazastreifen wurde an diesem Tag ein Generalstreik & ein Trauertag abgehalten, während sich Tausende an den Trauerzügen in Nablus für die getöteten Kämpfer & Zivilisten beteiligten. Gestern Abend wurde erste Lockerungen der Belagerung von Nablus angekündigt, dennoch wurden heute Morgen zwei weitere Palästinenser nahe Nablus getötet: Imad Abu Rasheed (42) & Ramzi Sami Zabara (35). Beide arbeiteten für den Zivilschutz der Palästinensischen Autonomiebehörde & lebten im Flüchtlingslager Askar am östlichen Stadtrand von Nablus.

Die israelischen Streitkräfte haben seit Jahresbeginn mindestens 186 Palästinenser:innen getötet, darunter 134 Menschen im besetzten Jerusalem & Westjordanland sowie 51 im belagerten Gazastreifen. Unter den Todesopfern sind 41 Kinder, von denen 17 während des dreitägigen Angriffs Israels auf den Gazastreifen im August getötet wurden. Laut UN ist das Jahr 2022 für Palästinenser:innen das tödlichste seit 16 Jahren.

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