Leichen der Opfer des Massakers im Flüchtlingslager von Sabra und Schatila
Leichen der Opfer des Massakers im Flüchtlingslager von Sabra und Schatila - 1982, Robin Moyer, World Press Photo of the Year

Das Massaker von Sabra & Shatila

“Die Fliegen verrieten uns, was geschehen war. Es gab Millionen davon, ihr Surren war fast so beredt wie ihr Gestank. Dicke Brummer, die uns völlig bedeckten & zunächst nicht zwischen Toten & Lebenden unterscheiden konnten […] Die Toten lagen überall — auf der Hauptstraße, in den kleinen Gassen, in Hinterhöfen & zerstörten Häusern, unter eingestürztem Mauerwerk & quer über die Müllhaufen. Nachdem wir dir ersten hundert Toten gefunden hatten, hörten wir auf zu zählen. Überall sahen wir Leichen — Frauen, junge Männer, Babys & Großeltern, sie lagen in großer Zahl herum, wo sie gerade niedergestochen oder mit Maschinenpistolen niedergemäht worden waren […] “Dieses Arschloch Scharon! Das ist ein neues Deir Yassin!” rief mein Kollege.”

— so schrieb Robert Fisk, der erste Journalist, der die Flüchtlingslager Sabra & Schatila am Morgen des 18.09.1982 betrat. Libanesische Phalange-Milizen mit Unterstützung israelischer Soldaten hatten dort in den 40 Stunden zuvor zwischen 3000–4000 palästinensische Flüchtlinge abgeschlachtet.

Leichen der Opfer des Massakers im Flüchtlingslager von Sabra und Schatila
Leichen der Opfer des Massakers im Flüchtlingslager von Sabra und Schatila – 1982, Robin Moyer, World Press Photo of the Year

Nach dem Einmarsch der israelischen Armee in den Libanon & der anschließenden Besatzung Beiruts, drangen die Phalangen, eine libanesische christliche Miliz — bewaffnet & ausgebildet von Israel, mit Hilfe, Erlaubnis & technischer Unterstützung der israelischen Armee in 2 palästinensische Flüchtlingslager in Beirut ein. Innerhalb von 42 Stunden wurden Tausende Palästinenser:innen & Libanes:innen niedergemetzelt, während zeitgleich israelische Soldaten sicherstellten, dass alle Ausgänge für die Fliehenden versperrt blieben & die Lager nachts mit Leuchtraketen taghell erleuchtet wurden, so dass die Milizen ihr mörderisches Werk nicht unterbrechen mussten. Bis heute kennt niemand die genauen Opferzahlen, die meisten Untersuchungen gehen von drei bis vier tausend Toten aus — vor allem Frauen, Kinder & Alte.

Kurzes Video nebst Augenzeugenbericht über das Massaker:

Niemand wurde jemals für dieses ungeheure Verbrechen, das die UN als Genozid bezeichnete, bestraft. Obwohl spätere Untersuchungen eindeutig zeigen, dass die Hauptverantwortlichen des Massakers der damalige israelische Verteidigungsminister Ariel Sharon & der damalige israelische Außenminister Yitzhak Shamir sind, wurde keiner von ihnen je zur Rechenschaft gezogen. Im Gegenteil: Beide wurden später israelische Ministerpräsidenten. Der “Schlächter von Beirut”, Ariel Sharon, wurde von westlichen Politiker*innen gar als “Person des Friedens” gefeiert.

Mehr zum Hintergrund

Am 6. Juni 1982 marschierte die israelische Armee in den Libanon ein, was sie als “Vergeltung” für den Mordversuch an dem israelischen Botschafter Argov am 4. Juni in London bezeichnete. Die Invasion, die bald als “Operation Frieden für Galiläa” bezeichnet wurde, schritt rasch voran. Bis zum 18. Juni 1982 hatte Israel die Streitkräfte der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) im westlichen Teil der libanesischen Hauptstadt umzingelt. Ein Waffenstillstand, vermittelt durch den Gesandten der Vereinigten Staaten Philip Habib, führte dazu, dass die PLO Beirut am 1. September 1982 verlassen musste und nach Tunesien ging. Der US-Gesandte versprach Sicherheit für die verbliebenen palästinensischen Zivilisten…

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Am 11. September 1982 behauptete der israelische Verteidigungsminister Ariel Sharon, der Architekt der Invasion, dass “2.000 Terroristen” in den palästinensischen Flüchtlingslagern um Beirut verblieben seien — eine Lüge, wie spätere Untersuchungen zeigten. Am Mittwoch, dem 15. September, dem Tag nach der Ermordung des israelisch-alliierten phalangistischen Milizenführers & designierten libanesischen Präsidenten Bashir Gemayel, besetzte die israelische Armee Westbeirut & “umzingelte und versiegelte” die palästinensischen Flüchtlingslager Sabra & Shatila, die von palästinensischen & einigen libanensischen Zivilisten bewohnt wurden. Am 15. September 1982 waren zur Mittagszeit die Flüchtlingslager vollständig von israelischen Panzern & Soldaten umstellt, die an strategischen Punkten & Kreuzungen rund um die Lager Kontrollpunkte errichteten, um den Ein- & Ausgang jeder Person zu überwachen. Am späten Nachmittag & Abend dieses Tages wurden die Lager beschossen.

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Gegen Mittag am Donnerstag, dem 16. September 1982, betrat eine Einheit von etwa 150 israelisch verbündeten Phalangisten das erste Lager. Während der nächsten 40 Stunden vergewaltigten, töteten & verletzten Mitglieder der phalangistischen Miliz eine große Anzahl Zivilisten, vor allem Kinder, Frauen & ältere Menschen (die nach dem Abzug der PLO zurück geblieben waren) in den umzingelten & abgeriegelten Lagern. Die Schätzung der Opfer schwankt zwischen 700 (die offizielle israelische Zahl) und 4000. Den Opfern & Überlebenden der Massaker wurde nie das Recht auf eine formelle Untersuchung der Tragödie zugestanden. Die später eingerichtete israelische Kahan-Kommission hatte kein richterliches Mandat & wurde nicht mit Rechtskraft unterstützt. Es blieb somit ebenfalls folgenlos.

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Die Israelis bezeichneten das Dokument [Bericht der Kahan-Untersuchungskommission] als beeindruckenden Beweis dafür, dass ihre Demokratie wie ein strahlendes Leuchtfeuer den Diktaturen der übrigen Staaten des Nahen Ostens gegenüberstand. Welche arabische Nation hatte je zuvor einen solchen Bericht veröffentlicht, der sowohl seine Armee als auch ihre politischen Führer verurteilte? […] Aber der Bericht war ein Dokument voller Mängel. Der Titel der Untersuchung — über “die Zwischenfälle in den Flüchtlingslagern…” — brachte es fertig, das unheilvolle, politisch inkorrekte Adjektiv “palästinensische” zu vermeiden. War es nicht tatsächlich eine Untersuchung über “die Zwischenfälle in den palästinensischen Flüchtlingslagern”? Aber so lautete nicht ihre Überschrift. Und warum bediente sich die Kommission des Wortes “Zwischenfälle”, wenn eigentlich “Massaker” gemeint war? Im Abschlussbericht wurde wiederholt Bezug genommen auf die palästinensischen “Terroristen” in den Flüchtlingslagern — vermutlich die 2000 seltsamerweise schwer zu fassenden und unentdeckten “Terroristen”, von denen Sharon Anfang September 1982 gesprochen hatte — aber die Richter konnten keinen einzigen Beweis zur Bekräftigung der Behauptung erbringen, dass diese “Terroristen” tatsächlich existierten. In Wahrheit wurden die einzigen wirklichen “Terroristen” in den Flüchtlingslagern — die christlichen Milizionäre, die von den Israelis dorthin geschickt worden waren — von den Richtern respektvoll als “Phalangisten” oder “Soldaten” bezeichnet. Soldaten. — Robert Fisk

Der Augenzeugenbericht des Überlebenden Hamad Mohammed Shamas

Hamad Mohammed Shamas hält ein berühmtes Foto in der Hand, das nach den Massakern aufgenommen wurde. Er lag einen Tag und eine Nacht lang verletzt unter den Leichen auf der linken Seite des Bildes. (Philip Reynaers)

“Am Mittwoch, als die israelische Armee mit ihren Panzern im Sportzentrum eintraf und als wir erfuhren, dass die Israelis dort waren, ging ich mit einem Freund hin, um sie zu fragen, was dort vor sich geht. Sie fragten mich, ob ich ein Terrorist sei, ich sagte Nein. Dann sagten sie zu uns: “Bleib zu Hause, hier ist nichts los”. Ich ging nach Hause. Es war der 15. September.

Am Donnerstag, dem 16. September, sprach ich mit Abu Merhef und Abu Nabil, als wir plötzlich das Geräusch von Bomben hörten, die auf die Häuser fielen, & die Schreie von Verletzten. Wir rannten los, um den Verletzten zu helfen & sie in die Krankenhäuser zu bringen. Danach schlug ich meinem Vater vor, er solle in den Keller hinuntergehen. Der Beschuss wurde immer stärker, und wir gingen in den Keller hinunter, um Schutz zu suchen. Die Kinder waren durstig. Ich ging, um Wasser & Decken zu holen. Mein Bruder war 15 Tage lang nicht im Haus gewesen, weil er arbeitete. Er kam & stellte sich mit uns an die Tür zum Schutzraum. Plötzlich sahen wir einige Israelis & einige Phalangisten auf uns zukommen, die fluchten & fluchten. Sie forderten uns auf, herauszukommen. Das taten wir auch. Sie stellten uns an die Wand & zeigten auf Abu Merhef; er hatte 500 Pfund in der Tasche. Abu Merhef sagte ihnen, sie sollten 250 Pfund nehmen & ihm 250 Pfund für die Kinder lassen.

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Als sie das hörten, schossen sie sofort auf die Männer. Ich wurde getroffen & tat so, als wäre ich tot. Drei oder vier andere fielen auf mich drauf. Sie waren tot — Abu Hassan Al Bourgi, Kassem Al Bourgi, Abu Nabil & Ali Mehanna. Ich erinnere mich, dass Ali Mehanna seine Verletzungen mindestens eine Stunde lang überlebte; als er wieder zu Bewusstsein kam, begann er um Hilfe zu rufen & zu fragen, ob noch jemand am Leben sei. Ich sagte: “Ich bin”, und er fragte: “Wer?”. Ich sagte: “Hamad.” Er sagte: “Bitte Hamad, ich bin am Bauch & an der Hand verletzt. Grüße meine Mutter, meine Schwester & sag ihnen, Ali lässt sie grüßen.” Ich sagte: “Woher willst du wissen, dass ich überleben werde? Ist noch jemand in deiner Nähe am Leben?” Er saß auf & ich lag immer noch am Boden. Kurze Zeit später kamen die Phalangen zurück & sagten zu Ali: “Rufst du immer noch? Sie beleidigten ihn & schlugen ihn auf den Kopf. Aber er stand wieder auf & sagte zu ihnen: “Behandelt ihr uns so, ihr Hurensöhne?”, weil er dachte, sie dürften die Libanesen nicht angreifen. Dann nahmen sie wieder ihre tödliche Arbeit auf, 5 oder 6 Mal schossen sie auf ihn. Sie gaben weitere Schüsse ab, um sicherzugehen, dass alle tot waren. Sie richteten die Waffe auf meinen Oberschenkel & feuerten. Sie waren zurückgekommen, um sicherzugehen, dass alle tot waren. Gegen 5 Uhr morgens versuchte ich von dort aufzustehen, wo ich immer noch lag. Neben mir war eine Wand. Ich schleppte mich die Straße entlang & hörte das Geräusch der Panzer. Ich ging in das Haus von Osman Houhou, das zerstört worden war, um mich zu verstecken. Plötzlich hörte ich einen Israeli über ein Mikrophon sagen: “Gebt eure Waffen ab, dann bleibt euer Leben & das eurer Familie verschont.”

Ich versuchte, den Abhang hinaufzuklettern, um mich, wie sie sagten, zu ergeben. Als ich fast dort war, schaute ich hin & sah, wie sie die Männer auf der einen & die Frauen auf der anderen Seite platzierten. Dann sah ich, wie sie auf sie schossen. Deshalb ging ich zurück, um mich in dem Haus zu verstecken, das ich kurz zuvor verlassen hatte. Dort blieb ich bis zum Abend.

Sie saßen um einen Tisch herum und tranken Alkohol, es gab nur eine Wand, die mich von ihnen trennte. Die Wand hatte Risse, ich konnte sehen, was geschah. Sie sagten zueinander: “Lasst nichts zurück, was sich bewegt.
Auf diese Weise blieb ich bis Sonntagmorgen um 10 Uhr im Haus. Ich verlor die Hoffnung, ich konnte nicht mehr, ich beschloss, hinauszugehen, auch wenn es bedeutete, getötet zu werden. Ich versuchte, zu unserem Haus zurückzugehen, aber ich fand es zerstört vor. Ich konnte wegen all der Toten, die über die Straße verstreut waren, nicht laufen. Und jedes Mal, wenn meine Hand einen von ihnen berührte, fühlte ich ihr Fleisch zwischen meinen Fingern. Ich sah Um Bashir, die mit ihren sieben Kindern getötet worden war. Es war, als ob sie mit ihren sieben Kindern um sie herum schliefe. Ich ging nach Hause zurück & setzte mich zu den Toten. Das Mädchen aus Makdad kam, um Hilfe zu rufen, und so wurde ich ins Krankenhaus gebracht”.

Buchempfehlung

Wer mehr über dieses Thema erfahren möchte, dem sei “Sabra und Schatila: Ein Augenzeugenbericht. Libanon 1982” von Robert Fisk, der zu Beginn dieses Weekly Spotlight zitiert wird, empfohlen.

Fisks Bericht ist ein dramatisches, bedrückendes, aber zugleich auch zutiefst politisierendes Beispiel für engagierten Journalismus. Seine persönliche Haltung und seine Betroffenheit sind in jedem Satz spürbar. Zugleich will er die Schuldigen namhaft machen und so der Weltöffentlichkeit die Hintergründe von Krieg und Gewalt im Libanon erklären.

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