Bomben auf Gaza

Der Teenager Mohamed Abu Al Umrin aus dem Flüchtlingslager Jabalya im Gazastreifen starb gestern Abend an den Folgen von Verletzungen, die ihm vor 2 Jahren israelische Soldaten an der Grenze zu Gaza während friedlicher Proteste zufügten.

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Israel hat heute morgen den Gazastreifen bombardiert, nachdem palästinensische Widerstandskämpfer mehrere Raketen aus der belagerten Küstenenklave abgefeuert hatten. Ein israelischer Angriff hat das Flüchtlingslager Al Shati nordwestlich von Gaza-Stadt getroffen, das zu den am dichtesten besiedelten Gebieten in dem belagerten Küstenstreifen gehört. Lokale Quellen berichteten, dass die Fenster vieler Häuser in der Gegend durch die Explosion zerbrochen seien. Auch das Al Bureij-Flüchtlingslager soll getroffen worden sein. Israel behauptet, Ziel seien Waffenlager der Hamas gewesen.

Die Bombardierungen geschahen nach dem brutalen israelischen Angriff auf die Altstadt von Nablus im Westjordanland, bei dem 11 Palästinenser von Besatzungssoldat:innen getötet wurden. Es ist nicht die erste Bombardierung des Gazastreifens in diesem Monat.

Palästinensische Quellen geben an, dass mindestens 8 Raketen abgefeuert wurden, während das israelische Militär die Zahl der Geschosse mit 6 angibt. Ihr Luftabwehrsystem habe 5 der Raketen abgefangen, während die sechste in einem unbewohnten Gebiet niederging. Es gab keine Verletzten auf israelischer Seite. Bisher hat sich noch keine palästinensische Widerstandsgruppe zu den Raketen bekannt.

Der Gazastreifen leidet seit 16 Jahren unter einer Totalblockade durch Israel — mit katastrophalen Auswirkungen auf alle Aspekte des Lebens. Sie ist völkerrechtlich illegal & gilt als aktive Kriegshandlung. Die 2,2 Mio dort lebenden Menschen Menschen dürfen ohne israelische Genehmigung weder ein- noch ausreisen, es darf fast nichts exportiert werden, importiert werden darf nur wenig. Die Resultate sind Massenarbeitslosigkeit, ein kollabiertes Gesundheitswesen (Israel gestattet den Import vieler Medikamente & medizinischer Ausrüstung nicht) & Lebensmittelknappheit. Zahlreiche Kranke warten zu lange oder gar vergeblich auf eine Erlaubnis zur Ausreise zwecks medizinischer Behandlung. Nach Angaben des Büros der Vereinten Nationen für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten sind mehr als 62,2 % der Bevölkerung von Ernährungsunsicherheit betroffen. Es gibt nahezu kein Trinkwasser. Laut der UN gilt der Gazastreifen aufgrund der Zustände als unbewohnbar.

Die Raketenabschüsse erfolgten, nachdem die im Gazastreifen ansässige palästinensische Widerstandsgruppe Islamischer Jihad den Angriff der israelischen Besatzung in Nablus am Mittwoch als “schweres Verbrechen” verurteilt hatte, auf das der “Widerstand reagieren muss”. Die Hamas, die die durch Israel von der Außenwelt abgeriegelte Küstenenklave regiert, hatte ebenfalls eine Warnung herausgegeben. Ihr Sprecher Abu Obeida sagte: “Der Widerstand in Gaza beobachtet die eskalierenden Verbrechen des Feindes gegen unser Volk im besetzten Westjordanland”. Er fügte hinzu, dass ihre “Geduld am Ende ist”.

Die Razzia in Nablus war eine der tödlichsten israelischen Operationen im besetzten Westjordanland seit der zweiten Intifada von 2000–2005. Die Zahl der Todesopfer am Mittwoch übertraf die eines israelischen Angriffs im vergangenen Monat in der weiter nördlich gelegenen, besetzten Stadt Jenin. Unter den Toten in Nablus waren drei palästinensische Großväter im Alter von 72, 66 & 61 Jahren sowie ein 16-jähriger Junge. Mindestens 102 weitere Personen wurden verwundet, 82 von ihnen durch scharfe Munition.

Das israelische Militär teilte mit, es sei in Nablus eingedrungen, um drei Widerstandskämpfer festzunehmen. Sie sollen in der Vergangenheit israelische Soldat:innen angegriffen haben. Die vierstündige “Militäroperation” der Besatzer hinterließ auf einem jahrhundertealten Marktplatz in Nablus eine breite Schneise der Verwüstung. Journalist:innen berichten übereinstimmend, dass israelische Soldat:innen wahllos das Feuer eröffneten. Unter den Verletzten befinden sich auch 3 Journalisten.

“Wir hören Geschichten, dass die israelischen Streitkräfte auf Nachbarn, Menschen in ihren Häusern & Menschen, die ihrem täglichen Leben nachgehen, geschossen haben. Die Palästinenser:innen sagen, dass Israel so handelt, weil es nicht zur Rechenschaft gezogen wird & freie Hand hat, Palästinenser:innen zu töten”, so die Reporterin Nida Ibrahim.

Der Zustrom von Verwundeten überforderte das Najah-Krankenhaus der Stadt, so Ahmad Aswad, der leitende Krankenpfleger der kardiologischen Abteilung. Der 36-jährige Sanitäter sagte, er habe viele Patienten gesehen, denen in die Brust, den Kopf & die Oberschenkel geschossen wurde. “Sie schossen, um zu töten”, sagt er.

In einem Moment, der ihn nach eigener Aussage noch lange verfolgen wird, zogen er & ein Kollege vorsichtig eine Kugel aus dem Herzen eines 61-jährigen Mannes heraus. Nachdem sich das Chaos gelegt hatte & sie ihren Patienten für tot erklärt hatten, sahen sie sich das Gesicht des Mannes an. Es war der Vater seines Kollegen, Abdelaziz Ashqar. Sein Kollege, Elias Ashqar, war überwältigt. “Es fühlte sich nicht so an, als wären wir in der Realität”, sagte Aswad.

Israel verstärkte ab Juni 2021 drastisch seine Militärrazzien, Verhaftungen & Tötungen in palästinensischen Städten & Dörfern im besetzten Westjordanland. Palästinensische Zivilist:innen, die sich dem israelischen Militär bei Razzien entgegenstellten & unbeteiligte Passant:innen wurden ebenso getötet wie Kämpfer bei gezielten Attentaten & bewaffneten Zusammenstößen. Die meisten Angriffe der israelischen Besatzungsarmee fanden in Nablus & Jenin statt.

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In diesen Städten “wächst die Konzentration des bewaffneten Widerstands”, so Mariam Barghouti, eine palästinensische Journalistin der Nachrichtenseite Mondoweiss. “Auch wenn er [der Widerstand] sich auf andere Gebiete im Westjordanland ausweitet, sind die Höhle der Löwen und die Jenin-Brigade weiterhin das Epizentrum des bewaffneten palästinensischen Widerstands & neuer Jugendgruppen, die dort kämpfen, weshalb sie zur Zielscheibe geworden sind”, so Barghouti.

Die Zahl der in diesem Jahr durch israelische Besatzungskräfte, einschließlich Siedler, getöteten Palästinenser:innen im Westjordanland (inkl. Jerusalem) & dem Gazastreifen ist somit auf 63 gestiegen, darunter 14 Kinder & 1 Frau.

Das sind im Durchschnitt 1,2 Tote pro Tag im Jahr 2023.

Israel hält das Westjordanland, Ostjerusalem sowie den Gazastreifen & die syrischen Golanhöhen seit 1967 völkerrechtswidrig besetzt. In einer eklatanten Verletzung des Völkerrechts annektierte Israel in den 80er Jahren zudem Jerusalem & die Golanhöhen. Die US-Regierung Trumps sowie die ukrainische Regierung Selenskis erkannten vor wenigen Jahren die illegale Annexion an.

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