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Bomben auf ein Flüchtlingscamp

Am Montag, den 19. Juni 2023, führte die zionistische Besatzungsarmee eine großangelegte Invasion auf das Flüchtlingscamp Jenin durch. Die 10 stündige Invasion kostete sechs Palästinenser:innen das Leben, 91 Menschen wurden verletzt, 18 davon schwer. Neben Scharfschützen, Blendgranaten und Tränengas setzte die Besatzungsmacht dabei auch Geschosse aus Kampfhubschraubern ein. Der erste Einsatz von Luftwaffe auf eine palästinensische Stadt im Westjordanland seit über 20 Jahren ist ein deutlicher Eskalationsschritt. Es ist zu befürchten, dass es nicht der letzte Einsatz bleiben wird. Trotz der massiven Übermacht einer hochgerüsteten Armee gelang es bewaffneten Selbstverteidigungseinheiten zahlreiche Armeefahrzeuge sowie einen Kampfhubschrauber zu beschädigen.

Eigentlich hätten die Schülerinnen und Schüler der 12. Klassen in der Stadt Jenin im Norden des besetzten Westjordanlandes gestern den zweiten Teil ihrer schriftlichen Abiturprüfung (hier Tawjihi genannt) ablegen sollen. Doch als gestern gegen 5 Uhr morgens der erste Gebetsruf des Muezzins verklungen war weckten laute Sirenen das Flüchtlingscamp Jenin. Diese Warnsirenen sind eine der Maßnahmen mit der sich die Bewohner:innen versuchen gegen die zum tödlichen Alltag gewordenen Angriffe der Besatzungsmacht zumindest ein wenig schützen — so gut das eben geht, wenn eine hochgerüstete Armee mit Sondereinsatzkräften ein Wohnviertel angreift. Eine Spezialeinheit des israelischen Militärs war in der Gegend von Jabriyat, in unmittelbarer Nähe zum Flüchtlingscamp, entdeckt worden.Die Selbstverteidigungseinheiten des Camps beginnen daraufhin bewaffneten Widerstand gegen die Invasion zu leisten. An mehreren Orten kommt es zu Konfrontationen mit bewaffnetem Schusswechsel.

Die Einheit hatte das Ziel, den 36 Jahre alten Aktivisten Asaem Abu Al Haija zu verhaften, der die Partei Hamas unterstützt und in Jabriyat lebt. Nur sechs Monate nach seiner Entlassung wurde Assam erneut inhaftiert. Es ist seine fünfte Verhaftung, insgesamt hat er 7 Jahre in den Gefängnissen der Besatzung verbracht. Wie es die Regel ist, ging die Besatzungsmacht bei der Verhaftung brutal gegen seine Familie vor, wie Assams Schwester Assem Al Hajia gegenüber Middle East Eye berichtet: “Dutzende von Soldaten umstellten das Haus meines Bruders und sprengten die Eingangstür, dann verteilten sie sich im ganzen Haus“. Assems schwangere Frau und seine beiden Kinder (sechs und vier Jahre alt) wurden in einen Raum gesperrt, angeschrien und beleidigt, während er im Nebenraum verhört wurde.

Gegen 5:40 Uhr, etwa eine halbe Stunde nach Beginn der Invasion gibt es Medienberichte über mehrere Verletzte unter israelischen Soldat:innen. Daraufhin beginnt die Armee offenbar willkürlich auf Palästinenser:innen zu schießen, es gibt Verletzte. Sari Samour, 49 Jahre alt und Bewohner der Al Zahraa Nachbarschaft, erinnert sich gegenüber Middle East Eye:

“Die Besatzungssoldaten sind durchgedreht: Sie begannen wahllos auf die Häuser zu schießen. Darunter war auch das Haus meines Nachbarn. Seine 15-jährige Tochter Sadeel saß in ihrem Zimmer. Wenige Augenblicke später hörten wir einen Schrei aus dem Haus, wir gingen alle hinaus, um zu sehen, was passiert war. Da mussten wir feststellen, dass dem Mädchen in den Kopf geschossen wurde. Ihr Zustand ist immer noch ernst, sie kämpft um ihr Leben.“

Gegen 7:30 Uhr, zweieinhalb Stunden nach dem Überfall auf die Familie Al Hajia wird Assam Al Hajia endgültig verhaftet und abtransportiert. Als ein Konvoi Israelischer Militärfahrzeuge vom Typ Panterh durch die Straßen Jenins fährt, explodieren offenbar im Vorfeld angebrachte Sprengkörper. Die Jenin Brigade gibt an für die Explosion verantwortlich zu sein und „Tamer 1“ Sprengkörper verwendet zu haben. Arab48 berichtet später unter Verweis auf israelische Quellen, dass der Sprengkörper vermutlich aus der Ferne gezündet wurde. 5–7 Fahrzeuge werden schwer beschädigt, einige sind nicht mehr fahrtüchtig und werden später abgeschleppt, es gibt Verletzte unter Soldat:innen und israelische Krankenwagen werden in Jenin gesichtet. Erhebliche Truppenanteile werden jetzt zum Camp verlegt.

Gegen 8:40 Uhr wird intensiver Drohnenflug über dem Camp gemeldet. Die Kämpfe halten jetzt seit fast vier Stunden an. Apache- Kampfhubschrauber erscheinen über Jenin, in den Videoaufnahmen ist der Schock in der Stimme der Filmenden deutlich zu hören: „Das sind Bomben! Sie bombardieren, aus den Hubschraubern! Geht weg, lauft! Oh Gott! Leute, der Helikopter wirft Bomben! Oh Gott, mein Gott… “. Mindestens fünf Angriffe fliegen die Kampfhubschrauber an diesem Tag. Es sind die ersten Luftangriffe auf Wohngebäude im Westjordanland seit 2002.

Der Angriff hält weiter an. Eine Stunde später gegen 10 Uhr Ortszeit eröffnen Soldaten Feuer auf Pressevertreter:innen und medizinisches Personal vor dem Ibn Sina Krankenhaus in Jenin. Das palästinensische Gesundheitsministerium gibt an, dass die Zahl der verletzten Palästinenser auf 31 gestiegen ist. Kurz darauf berichtet der Rote Halbmond, dass die Armee Krankenwagen daran hindert Verwundete zu versorgen. Ein Militärfahrzeug habe eine Kollision mit einem Krankenwagen erzwungen und wurde danach unter Beschuss genommen. Nibal Farsakh, Sprecher des palästinensischen roten Halbmonds berichtet von vier Krankenwagen die direkt durch israelisches Militär beschossen wurden [1].

Gegen 11 Uhr werden weitere Besatzungssoldat:innen nach Jenin verlegt, Videoaufnahmen zeigen eine lange Reihe gepanzerter Militärfahrzeuge. Die Kämpfe halten weiter an, es gibt Berichte über den Einsatz sogenannter „Suicide Drohnen“. Um 14:30 Uhr, mehr als 9 Stunden nach Beginn der Kämpfe, greift die israelische Armee erneut das Ibn Sina Krankenhaus an, das Gebäude wird beschädigt.

Um 14 Uhr zeigen Videoaufnahmen eine Gruppe von Journalist:innen, die bei ihrem Versuch über die Invasion zu berichten von der Armee unter Beschuss genommen werden. Sie sind wenige Meter von der Stelle entfernt an der Shireen Abu Akleh vor einem Jahr durch einen Kopfschuss eines israelischen Soldaten bei Dreharbeiten ermordet wurde. Sie pressen sich im Versuch sich zu schützen auf den Boden, ihre Gesichter sind gezeichnet von Angst, während sie trotz allem weiter dokumentieren und die Situation schildern: “Seht ihr, sie die Scharfschützen, haben ihre Waffen direkt auf uns gerichtet. Wir kommen hier nicht weg. Es gibt keine Möglichkeit zu fliehen”.

Gegen 15:50 Uhr, nach mehr als 10 Stunden Belagerung und Dauerbeschuss, fliegt die israelische Armee die Kampfhubschrauber zurück auf ihre Basisstationen, schleppt ihre zerstörten Fahrzeuge ab und zieht sich aus Jenin zurück. Fürs erste. Sie hinterlassen Trümmer und Schmerz. Sechs Menschen sind tot:

  • Qais Majdi Adel Jabareen (21)
  • Khaled Azam Darwish (21)
  • Qassam Faisal Abu Sariya (29)
  • Ahmad Khaled Daraghme (19)
  • Ahmad Yousef Saqr (14)
  • Amjad Al Jaas (48). Sein Sohn wurde im Januar 2023 bei einem Überfall der israelischen Besatzungsarmee getötet.
Ahmad Yousef Saqr (14) wurde gestern in Jenin durch israelische Besatzungssoldat:innen getötet.

91 Palästinenser:innen sind verletzt, 18 davon schwer [2]. Der größte Teil von ihnen sind Zivilisten, die anderen Kämpfer:innen, die versucht haben, ihr Zuhause gegen eine der hochgerüstetsten Armeen der Welt zu verteidigen. Unter den Verletzten ist auch der Journalist Hazem Nasser, der operiert werden muss. Ein Video zeigt den Moment, als er angegriffen wird. Deutlich durch Weste und Helm als Journalist zu erkennen flieht er über ein offenes Feld, während weiter gefeuert wird [3].

Der Zorn der Freien

Das Flüchtlingscamp Jenin ist das Zuhause für mehr als 22.000 Palästinenser:innen, die 1948 während der Nakba aus ihren Häusern vertrieben wurden [4]. Es ist auch eines der Zentren für den Widerstand gegen die Besatzung, der zuletzt wieder neu erstarkt ist. Die gezielt herbeigeführte Explosion, die massiv gepanzerte Fahrzeuge der israelischen Armee beschädigen konnte, ist ein deutliches Zeichen dafür, ebenso wie die Tatsache, dass einer der eingesetzten Kampfhubschrauber vom Boden aus beschädigt werden konnte. Dieser Widerstand zeichnet sich auch durch eine Überwindung von Spaltungslinien entlang verschiedener Parteien aus: So kämpften gestern Einheiten verschiedener Parteien Seite an Seite in dem Kampf, den sie den „Zorn der Freien“ tauften. In einer Stellungnahme des israelischen Militärs heißt es, sie befänden sich „im Schockzustand — das ist extrem für dieses Gebiet“. Den Einsatz von Bomben aus Kampfhubschraubern auf Wohngebiete am selben Ort hielt die Armee dagegen keineswegs für „extrem“.

Aus dem „Schock“ spricht die brutale koloniale Annahme, jederzeit jeden Ort des besetzten Westjordanlandes überfallen, Palästinenser:innen verhaften, Häuser zerstören zu können ohne ernsthafte Gegenwehr zu erwarten. Diese koloniale Selbstverständlichkeit hat gestern einen Riss bekommen. Arab48 berichtet, dass in Folge des entschlossenen Widerstands in Jenin der für heute geplante Einmarsch von hunderten Kolonialsieder:innen in das “Josephsgrab” östlich von Nablus abgesagt werden musste. Die Tatsache, dass die Armee dies kann, zeigt dabei umso deutlicher, wie eng Siedler:innenbewegung und Armee zusammenarbeiten: Die Siedler:innen handeln keineswegs isoliert, ohne den Schutz des Militärs könnten Überfälle und Einmärsche wie dieser nicht stattfinden.

Aus der Stellungnahme der israelischen Armee spricht nicht zuletzt auch die Ignoranz gegenüber der Tatsache, dass das Unrecht und die Gewalt der Besatzung immer Widerstand hervorrufen wird. Ein Widerstand der breite Unterstützung im palästinensischen Volk hat, wie auch aktuelle Umfragen wieder beweisen [5]. Solidarität für die Bewohner:innen und Kämpfenden in Jenin kam aus zahlreichen Orten, in Nablus, Betlehem, Ramallah und Gaza gab es Demonstrationen. Im Herzen des Flüchtlingscamps hat auch das „Freedom Theatres“ seine Räume, ein Theater, was zu den Zentren des kulturellen Widerstands in Palästina zählt. Der Leiter des Theaters Mustafa Sheta postete heute: „Jenin wird nun angegriffen … Die Zahl der Märtyrer steigt … Der Atem der Widerstandskämpfer steigt mit dem Ausfall der Militärfahrzeuge und der feindlichen Besatzung des grauen Himmels über unserem grünen Land … Die Szene war immer surreal und ist es immer noch … und die Takbeers und Bittgebete aus den Moscheen erklingen als Aufrufe zur Fortsetzung der Konfrontation und des Kampfes. Unsere Liebsten, wir sind von dort … Jenin und sein Lager“

Bomben auch im Westjordanland

Dieses Lager war in den letzten Monaten immer wieder Invasionen der israelischen Armee ausgesetzt. Der Einsatz von Apache Kampfhubschraubern stellt allerdings eine neue Stufe der Eskalation dar. Erstmals seit über 20 Jahren wurden Wohnviertel im Westjordanland aus der Luft bombardiert. Dies setzt die Tendenz fort, dass Angriffe und Waffen, die zuvor vor allem im belagerten Gazastreifen eingesetzt wurden, auch im Westjordanland den Alltag bestimmen. Die eingesetzten Apache Kampfhubschrauber werden vom Unternehmen Boing produziert und sind besonders für ihre Fähigkeit schwere Munition zu transportieren bekannt. Eine erstes Modell wurde bei der US Invasion in Panama 1989 eingesetzt, auch für die Kriege im Irak und Afghanistan waren die Kampfhubschrauber zentral. Von der israelischen Kolonialmacht werden sie seit Anfang der 90er Jahre eingesetzt, insbesondere in Gaza und dem Libanon. Im Westjordanland kamen sie insbesondere während der zweiten Intifada zum Einsatz. Ziel des Einsatzes gestern war offensichtlich, den Widerstand zu brechen, dafür wurde gezielt Zivilbevölkerung unter Beschuss genommen. So berichtet Middle East Eye, dass ein Opfer des Angriffs eine Frau mit Lernbehinderung ist. Ihr Zimmer wurde direkt von einer Rakete getroffen, die aus dem Apache Hubschrauber gefeuert wurde. Auch im restlichen Gebäude lebten ausschließlich Zivilisten.

Schmerzhafte Erinnerungen

Der Einsatz von Luftwaffen gegen das Camp weckte bei vielen schmerzhafte Erinnerungen: Im April 2002 überfiel die Israelische Armee das Camp mit mehr als 150 Panzern und bewaffneten Bulldozern. Trotz der massiven Unterlegenheit schaffte es das Camp 10 Tage Widerstand zu leisten. Die Armee zerstörte mehr als 400 Gebäude und beschädigte hunderte weitere schwer, ganze Nachbarschaften wurden zerstört. Ein Viertel der Menschen im Camp wurde erneut aus ihrem Zuhause vertrieben [6]. Die Palästinenserin Wafa Jarrar hat bei einem israelischen Luftangriff 2002 ihren Cousin verloren. Gegenüber Middle East Eye äußert sie:

“Was heute geschehen ist, ist für alle Einwohner von Jenin und natürlich für diejenigen, die Familienmitglieder verloren haben, nicht einfach”, sagte sie. “Es bringt schlimme Erinnerungen von vor 20 Jahren mit sich. Es ist nicht einfach, nicht auf psychologischer und nicht auf emotionaler Ebene.”

Beim Wiederaufbau des Camps wurden die Gassen deutlich breiter geplant, als für Flüchtlingslager üblich. Grund: So kann die Armee leichter und mit schwererem Gerät in das Camp eindringen. Und so wächst die Sorge, dass der Einsatz der Luftwaffe im besetzten Westjordanland nur der Anfang war. In der israelischen Zeitung Haaretz wird berichtet, dass die Stimmen, die eine große Militäroperation befürworten, im israelischen Militär immer lauter werden. Arab48 zitiert eine israelische Quelle, nach der der Einsatz von Kampfhubschraubern gegen Palästinenser:innen fortgesetzt werden soll. Und nur wenige Stunden nach dem vorläufigen Rückzug der Truppen fordert der extrem rechte Finanzminister Israels, Smotrich, den regulären Einsatz von Luftwaffe und Panzern im Westjordanland. Die Palästinenserin Wafa Jarrar: “Die Beschießung von Gebieten in Jenin ist nur der Anfang […] Ich glaube, dass sie diese Politik sehr bald wieder anwenden werden.”

Quellen

1 https://www.aljazeera.com/news/liveblog/2023/6/19/deaths-injuries-as-israeli-forces-raid-jenin-2

2 https://www.middleeasteye.net/news/palestinians-killed-israeli-assault-west-bank-jenin

3 https://twitter.com/ytirawi/status/1670769706368638977?s=20

4 https://www.aljazeera.com/news/2023/1/30/jenin-refugee-camp-defiant-despite-deadly-israeli-assault

5 http://pcpsr.org/

6 https://www.aljazeera.com/news/2023/1/30/jenin-refugee-camp-defiant-despite-deadly-israeli-assault

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