Besatzung auch über den Tod hinaus — Weekly Summary, 16.10.2021

Ein 15-jähriger Teenager wird von Soldat:innen erschossen, sein Freund, der das mitansehen musste sofort verhaftet. Auf dem Weg zur Schule in Jerusalem wird der Vater willkürlich verhaftet, die Kinder bleiben weinend & sich selbst überlassen im Auto zurück. Pünktlich zur Olivenernte intensivieren Siedler & Armee ihre Übergriffe auf palästinensische Farmer. Im Gazastreifen schießt die israelische Armee auf Fischer & Feuerwehrleute im Einsatz. 250 palästinensische politische Gefangene starteten diese Woche einen Hungerstreik gegen ihre Haftbedingungen & Folter. 7 Gefangene hungern gegen ihre Willkürhaft ohne Beweise, Nennung von Haftgründen, Anklage oder gar Urteil — einer von ihnen seit 94 Tagen, ein weiterer seit 87. Ihr Gesundheitszustand ist lebensgefährlich. In Jerusalem wird ein muslimischer Friedhof zu Gunsten eines Bibelparks zerstört, der Anblick der verstreuten Knochen löste Ärger & Proteste in Form von Massengebeten vor der Totenstätte aus — die Besatzung reagierte mit Blendgranaten & fährt mit der Zerstörung fort. Das & mehr, was in der Woche vom 07. — 16.10.2021 passierte:

Westjordanland

Getötet: Israelische Besatzungssoldat:innen erschossen am Donnerstag den erst 15 Jahre alten Jungen Amjad Abu Sultan nahe Bethlehem im besetzten Westjordanland & nahmen seine Leiche einfach mit, der betroffenen Familie ist somit die Bestattung ihres Kindes untersagt. Den Angehörigen ist somit eine Verarbeitung des Schocks & ihrer Trauer auf unbestimmte Zeit nicht möglich. Israel hält die Leichen getöteter Palästinenser:innen mehrere Monate, teilweise sogar mehrere Jahre zurück. Amjads Freund (16), der bei seine Ermordung miterleben musste, wurde von den Soldat:innen sofort festgenommen. Die israelische Besatzungsarmee behauptet, die beiden Teenager hätten Molotow-Cocktails auf Autos geworfen.

Alltag: Zwischen dem 07.10. & 13.10.2021 fiel die israelische Besatzungsarmee 154 Mal in Ortschaften des Westjordanlandes, einschließlich des besetzten Jerusalem, ein. Diese Übergriffe beinhalteten erneut willkürliche Razzien in zivilen Wohnhäusern, Verhaftungen sowie Schießereien der Soldat*innen, die Angst unter der Zivilbevölkerung hervorriefen. Während der Übergriffe in dieser Woche wurden 76 Palästinenser:innen verhaftet, darunter 22 Kinder & eine Frau. Unter den Verhafteten befindet sich auch Scheich Ikrima Sabri, der Vorsitzenden des Obersten Islamischen Rates & Prediger der Al Aqsa-Moschee. Die Besatzung verbietet ihm nun, die Al-Aqsa-Moschee eine Woche lang zu betreten.

Viele dieser Übergriffe der Besatzer stießen auf Widerstand der Bevölkerung, meist nur durch Steine & Feuerwerkskörper der Bewohner:innen, in einigen Fällen mit Molotow-Cocktails.

Jede Form von Protest gegen die völkerrechtswidrige Besatzung, Landraub & Vertreibung wurde von der Besatzung mit massiver Gewalt beantwortet, es kam zu zahlreichen Verletzten.

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Systematische Vertreibung: Die Besatzung zerstörte zum 3. Mal in Folge die beiden Wohneinheiten von Murad & Omran Mohammed Za’atrah in der Gegend von Al Zanbah im Nordosten des besetzten Ost-Jerusalem. Das 1. Mal zerstörte die Besatzung diese im Dezember 2020, nur drei Monate nach ihrer Heirat. Die Wohngegend im Nordosten des besetzten Jerusalem wurde gegründet, nachdem das palästinensische Kabinett beschlossen hatte, gegen die völkerrechtswidrigen israelischen Siedlungsaktivitäten in diesem Gebiet vorzugehen. Auch in der Beduinengemeinde Abu Nowar wurde ein Wohnhaus abgerissen, nahe Al Khalil (Hebron) ein Baustopp für ein geplantes Haus verhängt & im besetzten Ni’lin Grundstücke mit Bulldozern verwüstet sowie eine Bauunterlassungsaufforderung zugestellt & im besetzten Salfit einfach 40 Dunum palästinensischen Landes zwangsenteignet.

Baugenehmigungen verweigert die Besatzung Palästinenser:innen in nahezu allen Fällen, außerdem investiert die Besatzung nicht in die arabische Infrastruktur. Gleichzeitig errichtet sie illegale Siedlungen für ausschließlich jüdische Israelis, während zahlreiche palästinensische Wohnhäuser & Geschäfte zerstört & die Menschen so nicht nur entschädigungslos obdachlos gemacht, sondern auch ihrer wirtschaftlichen Grundlage beraubt werden. Die UN spricht in diesem Zusammenhang von Kriegsverbrechen. So wurde diese Woche nicht nur erneut palästinensisches Wohneigentum zerstört & Land zwangsenteignet: Im besetzten Bethlehem wurde für eine illegale Siedlung mit dem Bau einer neuen Straße, die nur Siedler nutzen dürfen, auf privatem zwangsenteignetem palästinensischen Land begonnen.

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Am Sonntag setzten Bulldozer der israelischen Besatzungsverwaltung Jerusalems die Zerstörung des Al Shuhadaa-Friedhofs im Zentrum des besetzten Ostjerusalem fort. Dabei kamen die Knochen & Leichenteile der dort Bestatteten zum Vorschein, was die palästinensische Zivilbevölkerung erregte, die sich versammelte, um die Zerstörung zu stoppen. Der Friedhof soll einem israelischen Bibel/Thorapark weichen, der auf illegal besetztem Gebiet in Verletzung des Völkerrechts entstehen soll.

Der Leiter des Komitees für islamische Friedhöfe in Jerusalem, Mustafa Abu Zahra, sagte, dass die Schändung des Friedhofs erniedrigend, schockierend & ungerechtfertigt sei. Daher versammelten sich Dutzende empörter Zivilist:innen vor dem Friedhof, um gegen die Entweihung des Friedhofs zu protestieren & verrichteten dort ihre religiösen Gebete am Eingang. Nachdem die Demonstrant:innen das ‘Ishaa-Gebet beendet hatten, griff die Armee sie an & feuerte Blendgranaten auf sie ab, um sie gewaltsam zu vertreiben. Die Angriffe auf die Friedhöfe Yousifiyah, dem bekanntesten in Jerusalem, & Al Shuhadaa’-Friedhof, auf dem die 1967 gefallenen jordanischen Soldaten begraben sind, halten seit 2014 an.

Siedlergewalt: Auch diese Woche kam es erneut zu Übergriffen von israelischen Siedlern auf Palästinenser:innen sowie deren Fahrzeugen & Farmen. Pünktlich zu Beginn der Olivenernte, von der Tausende palästinensische Familien seit zahllosen Generationen leben, intensivieren sich Angriffe auf eben diese Haine. So wurden im besetzten Dorf Tarqumiyah 100 Olivenbäume von Siedlern abgeholzt. Allein heute wurden mindestens 4 Palästinenser:innen bei der Olivenernte durch einen Siedlerangriff verletzt. In Ad Dhahiriya wurde diese Woche ein Schäfer von ihnen bedroht & in Jerusalem ein weitere Palästinenser durch sie verletzt. In Beit Iksa & Salfit wurden zahlreiche palästinensische Fahrzeuge zerstört.

Politische Gefangene

Am Mittwoch haben 250 politische Gefangene & Widerstandskämpfer in israelischen Besatzungsgefängnissen einen offenen Hungerstreik begonnen. Sie protestieren damit gegen unmenschliche Haftbedingungen sowie die Kollektivstrafen, die die israelischen Behörden gegen palästinensische Gefangene ausüben, nachdem 6 Widerstandskämpfer vor mehreren Wochen aus einem israelischen Hochsicherheitsgefängnis ausbrachen. Diese Maßnahmen beinhalten Isolationshaft, Folter etc.

Die nun in den Hungerstreik getretenen gehören dem “Islamischen Jihad” an. Die marxistische PFLP (Popular Front for the Liberation of Palestine — Volksfront zur Befreiung Palästinas) hat angekündigt, dass 100 ihrer Mitglieder sich dem Hungerstreik anschließen werden. Im Westjordanland, Jerusalem & dem Gazastreifen kommt es seither zu täglichen Protesten, Sit-ins & Kundgebungen in Solidarität mit den Hungerstreikenden.

7 weitere palästinensische Gefangene befinden sich aktuell im Hungerstreik gegen ihre willkürliche Verhaftung, der sogenannten Administrativhaft. Kayed Fasfous hungert seit nun 94 Tagen für seine Freiheit, Muqdad Qawasmi seit 87 Tagen (Stand 16.10.). Sie befinden sich aktuell in Administrativhaft, also Willkürhaft ohne Nennung von Gründen, Beweisen oder Vorlage einer Anklage oder gar Gerichtsurteil. Sie ist beliebig oft verlängerbar, manche müssen Jahre hinter Gittern verbringen, ohne jemals verurteilt worden zu sein. Fasfous’ & Qawasmis Gesundheitszustand ist mittlerweile lebensbedrohlich, sie haben massiv Gewicht verloren, leiden unter ständigen Schmerzen & Ohnmachtsanfällen & befinden sich im Krankenhaus. Die Besatzung lenkt aktuell nach wie vor nicht ein & unternimmt nichts, um die Willkürhaft zu beenden. Die Mutter von Muqdad Qawasmi: “Sie wollen meinen Sohn langsam töten. Mein Sohn wird jeden Tag getötet. Er stirbt jeden Tag.” Drei palästinensische Freunde Muqdads wurden willkürlich verhaftet, als sie ihn am 85. Tag seines Hungerstreikes besuchten.

https://twitter.com/i/status/1448907958071578630

Freiluft Gefängnis Gaza

Der Gazastreifen leidet immer noch unter der Totalblockade der israelischen Besatzung. Die totale Abriegelung hält nun das 15. Jahr in Folge an, mit katastrophalen Auswirkungen auf alle Aspekte des Lebens. Die Menschen dürfen ohne israelische Genehmigung weder ein- noch ausreisen, es darf nicht exportiert werden, importiert werden darf nur wenig, die Resultate sind Massenarbeitslosigkeit, ein kollabiertes Gesundheitswesen & Lebensmittelknappheit. Bis jetzt gibt Israel keinen Hinweis auf eine Lösung in der Zukunft, wodurch die Bevölkerung des Gazastreifens ihrer wirtschaftlichen, sozialen & kulturellen Rechte weiter beraubt wird.

Trotz im Mai 2021 verkündeter Waffenruhe: Die wöchentliche Angriffe auf Gazas Fischer blieben auch diese Woche nicht aus. 8 Mal eröffneten Kanonenboote der israelischen Marine das Feuer auf Gazas Fischer. Zudem wurden Fischerboote beschlagnahmt. Die Fischer mussten zurück an die Küste fliehen & konnten folglich ihrer Arbeit nicht nachgehen. Es handelt sich um eine jahrelange Praxis Israels. Auch Zivilisten an Land wurden attackiert: Die israelische Armee schoss auf Feuerwehrkräfte, als diese einen Brand auf einer Mülldeponie im östlichen Gazastreifen löschen wollten.

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