Ärzte ohne Grenzen: “Abscheuliches Blutvergießen”— Daily Update

Ärzte ohne Grenzen: “Abscheuliches Blutvergießen”

Seit dem 7. Oktober sind mindestens 18.608 Palästinenser:innen (palästinensisches Gesundheitsministerium) bei israelischen Angriffen auf den Gazastreifen getötet worden. Die NGO Euro-Med Human Rights Monitor geht sogar von über 24.000 Getöteten in Gaza aus, wobei seit langem unter den Trümmern Vermisste in die Todeszahlen mit einberechnet wurden.

Die revidierte Zahl der Todesopfer in Israel liegt bei 1.147.

Gaza

Ärzte ohne Grenzen (MSF) forderte heute die EU-Staats- & Regierungschefs auf, ein “abscheuliches Blutvergießen” in Gaza zu verhindern. Sie richteten ihre Botschaft vor der Tagung des Europäischen Rates am morgigen Donnerstag an die europäischen Staatschefs.

“In den nächsten 48 Stunden können Sie entweder weiterhin vergeblich zur Einhaltung des Völkerrechts & zum Schutz der Zivilbevölkerung aufrufen oder Sie können Ihre einzigartige Position nutzen, um den Staat Israel davon zu überzeugen, die wahllosen Bombardierungen des Gazastreifens einzustellen.”

“Wenn die Waffen schweigen & das wahre Ausmaß der Verwüstung ans Licht kommt, werden dann der [Europäische Rat] & alle europäischen Staats- &Regierungschefs sagen können, dass sie alles in ihrer Macht Stehende getan haben, um das Blutvergießen zu stoppen?”, fragte sie [1].

Vollständiges Statement via X: https://twitter.com/MSF/status/1734989513951240192

Nach Angaben von Augenzeugen sollen heute mehrere Menschen, darunter Frauen, Kinder & Babys in der Shadia Abu Ghazala Schule westlich des Flüchtlingslagers Jabalia von israelischen Soldat:innen erschossen worden sein. “Sie wurden alle getötet, mit vorgehaltener Waffe hingerichtet”, so Augenzeugen.

Berichten zufolge stapelten sich die Leichen in der Schule, darunter auch die von neugeborenen Kindern, wie Al Jazeera heute berichtete.
Der Journalist Hani Mahmoud berichtete, dass das Gebiet, in dem sich die Shadia Abu Ghazala Schule befindet, mehrere Tage lang unter schwerem Luftangriff & Artilleriebeschuss stand & israelische Panzer vor Ort waren.

“Eine Quelle, mit der wir in der Schule sprachen, sagte, dass, als die Kämpfe heftiger wurden & der Beschuss aggressiver wurde, viele Menschen aus diesem Gebiet ihre Häuser verließen […] & zur Schule eilten, weil sie sie als Zufluchtsort betrachteten”, so Mahmoud. Die Umgebung der Schule wurde laut Zeugen vor Ort schwer bombardiert, die Schule selbst jedoch nicht, was mit dem übereinstimmt, was man in den Klassenzimmern gefunden hat.

Starke Regenfälle führten heute zu Überschwemmungen in Teilen des Gazastreifens, während starke Winde behelfsmäßige Zelte beschädigten. Das aktuelle Winterwetter stellt eine weitere enorme Belastung für die 1,9 Mio Vertriebenen der Küstenenklave dar (s. Video: https://twitter.com/i/status/1734932959369609511).

In Khan Younis spitzt sich die Lage weiter zu, es wird von schweren Kämpfen berichtet: Der Vorort befindliche Mansour Shouman beschrieb gegenüber Nachrichtenagenturen die Situation als gefährlich & verzweifelt: “Es gibt keinen sicheren Ort hier in Khan Younis. Die israelischen Panzer sind bis auf 600 Meter heran. Es gibt Scharfschütz:innen auf den Dächern der Gebäude, die auf alles schießen, was sich bewegt. Die Menschen wissen nicht, wohin sie gehen sollen.”

“Der östliche Teil von Khan Younis wird jetzt vom israelischen Militär eingenommen & es gibt dort heftige Kämpfe. Die Hauptstraße von Norden nach Süden ist jetzt ebenfalls von schweren Kämpfen betroffen. Selbst wenn es gelingt, Rafah zu erreichen, gibt es dort keine Notunterkünfte, keine Lebensmittel & kein Wasser. Deshalb entscheiden sich die Menschen, hier in Khan Younis zu bleiben — das ist zumindest besser als das Unbekannte”, so Shouman gegenüber Al Jazeera.

Die israelische Nichtregierungsorganisation Physicians for Human Rights-Israel (PHRI) teilte mit, dass bisher nur 430 der rund 50.000 verwundeten Palästinenser:innen nach Ägypten gebracht worden sind — das entspricht gerade mal 1% der Verletzten. “Nach Angaben des palästinensischen Gesundheitsministeriums wartet Israel bis zu drei Tage, bevor es auf Ausreiseanträge reagiert, was zu einer raschen Verschlechterung des Zustands der Patienten bis hin zum Tod führt. Die Organisation hat das israelische Militär aufgefordert, schneller auf diese Anfragen zu reagieren”, so PHRI.

“Bislang konnten nur etwa 500 Hochrisikopatient:innen zur Behandlung in die Türkei, die Vereinigten Arabischen Emirate & Katar ausreisen”, so die Gruppe. Mindestens 1.000 Patient:innen mit Nierenversagen & 2.000 Krebspatient:innen warten ebenfalls auf schnelle Ausreise. Des Weiteren wurde heute bekannt, dass sämtliche Kinderimpfstoffe aufgebraucht sind.

Der israelische Sender Kan Reshet Bet Radio zitierte gestern Netanjahus Zukunftspläne für Gaza mit folgenden Worten: “Der Gazastreifen wird unter israelischer Militärkontrolle stehen. Nach dem Krieg wird eine zivile Verwaltung im Gazastreifen tätig sein & der Küstenstreifen wird unter der Führung der Golfstaaten wieder aufgebaut.”

Westjordanland

Bereits seit über 41 Stunden ist das Flüchtlingslager Jenin in der gleichnamigen Stadt heftigen israelischen Militärangriffen ausgesetzt — vom Boden & aus der Luft. Seit Dienstag kamen dabei mind. 8 Palästinenser ums Leben, 4 davon durch einen Drohnenangriff aus der Luft. Es ist der 15. Militärangriff gegen Jenin seit dem 07. Oktober.

Laut dem Gouverneur Jenins, Abu Al Rub, sind alle Straßen, die zum Flüchtlingslager führen, von militärischen Bulldozern zerstört worden & die Krankenhäuser umstellt. Israelische Soldat:innen hindern Krankenwagen aktiv daran, die Kranken & Verletzten zu evakuieren.

Die israelische Besatzungsarmee soll etwa 500 Menschen festgenommen & 400 von ihnen wieder freigelassen. “Die freigelassenen Personen werden vom Dorfrat & den Bewohner:innen von Rummana nahe Jenin aufgenommen, da das Lager belagert wird und sie im Moment nicht zurückkehren können”, so Al Rub.

Hassan Subeihat, Vorsitzender des Dorfrats von Rummana, erklärte gegenüber Al Jazeera: “Wir nehmen sie in Unterkünften, in einigen Häusern & in Moscheen im Dorf auf […] Einige der Freigelassenen waren vorher geschlagen worden, während andere spärlich bekleidet, manche gar ohne Kleidung ins Dorf kamen. Einige waren barfuß.”

Jemen & Libanon

  • die jemenitischen Houthis haben heute erneut ein Schiff mit Israelbezug im Roten Meer angegriffen & zur Kursänderung gezwungen. Das Schiff hatte Israel angesteuert. Verletzt wurde niemand. Die Houthis kündigten an, das Rote Meer für Schiffe mit Ziel Israel oder Israelbezug unpassierbar zu machen, so lange der Angriff auf Gaza anhält.
  • bei Kämpfen zwischen Israel & der libanesischen Hisbollah sind zwei weitere Hisbollah-Kämpfer ums Leben gekommen.
[1] Link zum MSF-Statement auf X: https://twitter.com/MSF/status/1734989513951240192?ref_src=twsrc%5Etfw%7Ctwcamp%5Etweetembed%7Ctwterm%5E1734989513951240192%7Ctwgr%5E85eb1b6a368772ef8d2d6fa6f95bf9192f704031%7Ctwcon%5Es1_&ref_url=https%3A%2F%2Fwww.aljazeera.com%2Fnews%2Fliveblog%2F2023%2F12%2F13%2Fisrael-hamas-war-live-world-calls-for-ceasefire-as-israel-bombards-gaza

Das kann Sie auch interessieren:

„Kommt raus, ihr Tiere“: Was beim Massaker im Al Shifa-Krankenhaus geschah

„Kommt raus, ihr Tiere“: Was beim Massaker im Al Shifa-Krankenhaus geschah

Schäden im zerstörten Al Shifa-Krankenhaus in Gaza-Stadt am 1. April 2024. (Foto: Khaled Daoud /APAIMAGES …