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Analyse — Israels neue Strategie gegen den Widerstand 

Allem Anschein nach hat die Besatzungsarmee nach den Kämpfen letzten Monat im Flüchtlingslager Jenin eine neue Strategie entwickelt, um mit dem eskalierenden Widerstand im besetzten Westjordanland umzugehen. Die Strategie scheint mehrere Aspekte zu haben und wird eine größere Rolle für die palästinensischen Sicherheitsdienste vorsehen. Die bewaffneten Gruppen entwickeln sich jedoch weiter. Hier werden wir diese Strategie näher anschauen.

Zusammenfassung

Die Besatzungsarmee ist in den letzten Jahren jede Nacht in palästinensische Städte eingedrungen. Dennoch sind diese Invasionen und die “kleineren” militärischen Operationen häufiger als früher. Die Besatzer:innen richten dabei Kämpfer hin, verhaften junge Männer willkürlich und berichten von “Eliminierungslisten”. Gleichzeitig, was als zweiter Aspekt betrachtet werden kann, wird die gezielte Zerstörung der Infrastruktur und Sachschädenen als eines der Druckmittel gegen den Widerstand verwendet. Der dritte Aspekt besteht darin, den palästinensischen Sicherheitsdiensten zu erlauben, verstärkt im nördlichen Westjordanland zu operieren. Diese gehen in die Orte, wo Einsätze die israelische Armee viel kosten könnten. Angesichts dieser Strategien befindet sich der Widerstand in Daueralarmbereitschaft, die Besatzung will ihn austrocknen und seine Ressourcen erschöpfen.

Die Hinrichtungen

Als ein Beispiel für die Hinrichtung können wir auf unseren Bericht von 06.08.2023 hinweisen, als die die israelische Armee 3 Palästinenser (darunter 2 Kämpfer) in ihrem Auto erschossen hat. Ein Sprecher der Armee machte es klar, dass es keine Absicht gab, sie festzunehmen, sondern zu „eliminieren“. Ein weiteres Beispiel ist unserem Bericht vom 09.07.2023 zu entnehmen, als eine eindringende israelische Einheit in Nablus zwei Mitglieder der PFLP erschoss, nachdem sie sich bereits ergeben hatten und sich auf das israelische Fahrzeug zubewegten. Die Aussagen der Augenzeugen lassen sich durch Tonaufnahmen bestätigen.

https://occupied-news.medium.com/5-pal%C3%A4stinenser-und-1-israeli-get%C3%B6tet-4-verschiedene-vorf%C3%A4lle-43964b292613

Die palästinensischen Sicherheitsdienste

In Verbindung mit der offenen Konfrontation im Westjordanland gehört die Fortsetzung der Verfolgung von Widerstandskämpfern durch die palästinensischen Sicherheitsdienste zum täglichen Geschehen. Die Widerstandsgruppierungen im Westjordanland berichten von dutzenden durch die Palästinensische Autonomiebehörde Verhafteten, darunter mehrere, die von Israel gesucht werden. Solche Nachrichten sind mittlerweile fast täglich.

Beispiel 1 für die neue Strategie — Nablus

Seit ein Paar Jahren überfallen Siedler begleitet von Soldaten fast wöchentlich den östlichen Teil von Nablus, mit der Behauptung, dass es dort ein heiliges Grab gäbe. Diese Invasionen sind aber immer blutiger geworden. Wie beispielsweise die Nacht vom Dienstag, den 15.08.2023 zu Mittwoch, wo die Besatzungsarmee mit etwa 30 Militärfahrzeugen und Bulldozern einen massiven Angriff auf den östlichen Teil der Stadt gestartet hatte, und parallel in dem benachbarten Flüchtlingslager Balata. Während des Angriffs sprengten die Soldaten im Lager das Hauptquartier der Fatah-Bewegung [der Fatah gehören die meisten Beamten der palästinensischen Autonomiebehörde (PA) an] und eine Wohnung, die der Familie des gesuchten Abdullah Abu Shalal gehört, in die Luft und beschädigten etwa 20 Häuser und Geschäfte in der Marktstraße, dem wichtigsten Viertel in Balata, sowie Dutzende von Autos, die vor den Häusern und Geschäften standen. Abdullah Abu Shallal gilt als der prominenteste Widerstandskämpfer im Lager und ist einer der Anführer seines Bataillons, der von den Besatzern gesucht wird, denen es zum fünften Mal in Folge nicht gelungen ist, ihn festzunehmen oder zu ermorden.

Der Widerstand schaut nicht einfach zu: Der Widerstand in Balata schützte das Lager unter anderem mit selbstgebauten Sprengsätzen, während die Soldaten wahllos schossen und acht junge Männer mit scharfen Kugeln verwundeten, darunter einen lebensgefährlich. Die selbstgebauten Sprengsätze im Westjordanland stellen auch eine neue bemerkenswerte Entwicklung dar und wurden in den letzten zwei Monaten in mehreren Städten zum Einsatz gebracht.

Beispiel 2 — Jenin:

In Jenin hat die Besatzung am Donnerstag im Morgengrauen einen Kämpfer der Fatah in seiner Wohnung hingerichtet. Er wollte sich der Armee ergeben, weil die Besatzung das Haus beschoss, obwohl sich mehrere Kinder und Unbeteiligte darin befanden, wie seine Mutter und andere Augenzeugen berichteten. Später bombardierten die Soldaten seine Wohnung und die Bäckerei, in der seine Familie lebte, ohne die Menschen, die sich darin befanden, zu warnen. Er ist der fünfte Getötete in weniger als 48 Stunden im Westjordanland. Die israelische Armee hat die Stadt überfallen und provozierte so heftige bewaffnete Zusammenstöße mit dem “Jenin-Battalion”, das Sprengsätze in den Militärfahrzeugen zündete. Gleichzeitig hatte eine andere Truppe der israelischen Armee die Stadt Burqin in der gleichnamigen Provinz gestürmt.

Während derselben Woche hatten die Sicherheitskräfte der PA mehrere Verhaftungen in der Stadt und im Lager gegen Widerstandkämpfer und Leute aus deren Umfeld durchgeführt. Am Montag haben sie auch eine Werkstatt beschlagnahmt, in der angeblich Waffen hergestellt worden waren. Die Verhaftungen und Operationen der PA hatten in den Sozialen Medien Wellen der Wut ausgelöst.

Neben dem „Jenin-Battalion“ sind mittlerweile andere Bataillone in der Region aktiv. Darunter das “Ayyash-Battalion”, das den Abschuss einer “Qassam 1”-Rakete auf eine Siedlung ankündigte. Das Bataillon veröffentlichte ein Video, das eine Plattform mit einer Rakete zeigt, bevor diese auf die Siedlung abgefeuert wird, und betonte, dass die Rakete “trotz der mangelnden Ressourcen und der großen Sicherheitseinschränkungen im Westjordanland ihren Weg fortsetzt.” Anhand des Videos kann man beurteilen, dass es sich um eine Rakete in noch einer frühen Phasen der Entwicklung handelt. Die bisher sechs Versuche haben noch keines ihrer Ziel erreicht.

Ein Sicherheitsbeamter der Besatzungsregierung kommentierte die Fortsetzung dieser Versuche in einem Interview mit dem hebräischen Sender “Reshet Kan” mit den Worten: “Israel wird nicht zulassen, dass das nördliche Westjordanland wieder in den Gazastreifen verlagert wird”, und fügte hinzu: “Wir werden nicht zulassen, dass sich dort irgendwelche Waffen befinden.”

Was kommt?

In seiner letzten Stellungnahme sprach das „Jenin-Battalion“ von großem Kampfgeist und was Israel über ihre Fähigkeiten weiß, dürfte nur ein Bruchteil der Realität sein. Kleinere Gruppen in anderen Städten liefern sich ebenfalls heftige Auseinandersetzungen mit den israelischen Invasionstruppen.

Andererseits wächst auch die Frustration der Palästinenser:innen über die Palästinensische Autonomiebehörde in nie gekanntem Ausmaß.

Zuletzt kam es am Mittwoch im Morgengrauen zu Zusammenstößen in der Stadt Tubas, nachdem die Einwohner:innen gegen die Verhaftung des einst von Israel inhaftierten Ahmed Abu Al Ayda durch die palästinensischen Sicherheitskräfte protestiert und “politische Verhaftungen” und “die Verfolgung von Widerstandskämpfern” abgelehnt hatten. In dokumentierten Videoclips, die in den sozialen Medien kursierten, hoben die Militanten Leichentücher aus Protest gegen die Verfolgung der von Israel gesuchten Kämpfer durch die PA und sagten in einer Botschaft an die palästinensischen Sicherheitskräfte: „Wir kämpfen für euch auch, damit wir alle in Würde und Ehre leben können. Unsere Leichentücher sind bereit, kommt und tötet uns mit euren eigenen Händen.”

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