(c) Ammar Badawy

Al Aqsa — Die Kolonialisierung des Gebets

Worum geht es in Jerusalem? Jahrhundertealter Religionsstreit oder israelische Vertreibungspolitik? Dieser Hintergrundartikel geht der Frage auf den Grund.

Während der letzten Tage kommt es erneut zu Gewalt in der Al Aqsa-Moschee: Israelische Besatzungssoldat:innen stürmen immer wieder gewaltsam während des Ramadan das Gotteshaus. Sie schießen auf die Gläubigen & verhafteten diese en masse. Anschließend touren Hunderte israelisch-jüdische Siedler:innen & Rechtsradikale durch das Areal der Moschee, begleitet von den gleichen Soldat:innen. Israel sagt, ohne den Einsatz dieser Sicherheitskräfte wäre das Leben der Siedler:innen gefährdet, denen die muslimischen Behörden ihr Recht auf Beten in Al Aqsa vorenthalten. Diese Szenen & Statements wiederholen sich seit Jahren immer wieder.

Als Erklärungsmuster wird in westlichen Debatten meist folgendes Narrativ bedient: Al Aqsa ist die drittheiligste Stätte des Islam, denn hierher wurde der Prophet Mohammad während der Nachtreise aus der Großen Moschee in Mekka gebracht. Gleichzeitig ist es jedoch auch der heiligste Ort der Juden, an dem einst der jüdische Tempel Salomons stand, den, immer wieder neu aufgebaut, die Römer endgültig zerstörten. Die Stätte ist Muslimen & Juden heilig — deswegen streiten sich beide Religionsgemeinschaften seit ewig um diesen Ort, wobei die muslimische Seite die intolerante, des Teilens nicht willige Konfliktpartei ist. Doch was ist an dieser Darstellung tatsächlich dran?

Um es schon einmal vorweg zu nehmen: Wenig. Wie der Artikel im Folgenden zeigen wird, geht es nicht um vermeintlich historische & religiöse Ansprüche auf die Stätte, sondern darum eine Legitimation für den israelischen Kolonialismus zu finden: Im historischen Palästina soll immer mehr Raum für israelische Siedler geschaffen werden, wozu die Rechte & der Boden der Palästinenser:innen rasant geschrumpft werden.

Die rechtliche Ausgangslage

Israel eroberte 1948 im Zuge seiner Staatsgründung den Westen Jerusalems mit militärischen Mitteln, vertrieb die Mehrheit der einheimischen palästinensischen Bevölkerung aus diesem Teil der Stadt & zwangsenteignete sie vollständig ohne Schadensersatz. Gleichzeitig flohen im gleichen Zeitraum Juden aus dem Ostteil der Stadt in den westlichen. Der Osten Jerusalems wurde 1948 vom jordanischen Königshaus annektiert (später wurde der Schritt wieder zurückgenommen). Die Vereinten Nationen (UN), die grundsätzlich der Schaffung eines israelischen — & eines palästinensischen! — Staates zustimmten, sahen nie vor, dass Jerusalem ein Teil Israels wird. Stattdessen sollte es einen Sonderstatus erhalten. Israels Machtanspruch über Westjerusalem wird daher international bis heute von den meisten Staaten offiziell nicht anerkannt. Seit Israels Angriffskrieg gegen Ägypten, Jordanien & Syrien im Jahr 1967, dem sogenannten Sechstagekrieg, wird der Osten Jerusalems völkerrechtswidrig von Israel besetzt. Wenige Wochen nach Kriegsende folgte sogar die Annexion der Stadt. 1980 wurde diese Annexion in Israels Grundgesetz aufgenommen, das die Stadt als “vereintes Jerusalem & Hauptstadt Israels” definiert — ein eklatanter Verstoß gegen das Völkerrecht. Weder die UN noch einzelne Staaten wie bspw. Deutschland, erkennen Israels Annexion & Machtansprüche bzgl. Jerusalem an. Einzige Ausnahme: Die USA seit der Trump-Regierung (es folgten darauf wenige Einzelstaaten wie Honduras, 2021 erkannte die Ukraine die Annexion Jerusalems an).

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Palästinenser:innen in Ostjerusalem sind seit Beginn der Besatzung & Annexion rechtlich schlechter gestellt, als die jüdisch-israelischen Staatsbürger:innen, die im gleichen Stadtteil wohnen. Trotz Annektion der Stadt haben die arabischen Einwohner bspw. keine israelische Staatsbürgerschaft erhalten, sondern lediglich eine Aufenthaltserlaubnis, die sie schnell verlieren können. Sowohl die UN als auch zahlreiche Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International, Human Rights Watch, B’Tselem, Adalah, Al Haq etc. dokumentieren & verurteilen seit Jahren die Ungleichbehandlung, Vertreibung & Zwangsenteignung von Palästinenser:innen & den gleichzeitigen, illegalen Siedlungsbau durch Israel in Jerusalem. Sie sprechen von dem Versuch Israels, die Demographie der Stadt mit allen Mitteln zu Gunsten jüdischer Israelis zu verschieben. Man spricht in diesem Zusammenhang häufig von Siedlerkolonialismus. Der Siedlungsbau ist laut internationalem Recht bzw. Genfer Konvention ein Kriegsverbrechen. Alle genannten Organisationen sprechen von israelischer Apartheidspolitik.

Um dieser völkerrechtswidrigen Praxis einen vermeintlich legitimen Anstrich zu verleihen, wird häufig das Argument herangezogen, jüdische Menschen hätten ein Anrecht auf das Land & die religiösen Stätten, da es laut Bibel/Torah die ihren seien. Verteidiger der israelischen Politik unterstellen Kritikern, Palästinenser:innen wollten den “heiligen Boden” nicht teilen.

Der ausgehandelte Status quo

Im Zuge der Eroberung & Annexion Ostjerusalems wurde ein “Status quo” der Al Aqsa-Moschee sowie anderen religiösen Stätten zwischen Israel & dem Königreich Jordanien ausgehandelt & Teil des Friedensvertrages beider Länder im Jahr 1994. Dieser lässt sich im Wesentlichen wie folgt zusammenfassen: Es ändert sich nichts an den bisherigen Regelungen & Praktiken an muslimischen & christlichen Gebets- & Pilgerstätten. Israel darf sich hier nicht einmischen: So bleiben die Schlüssel zur christlichen Grabeskirche in Jerusalem weiterhin in Obhut & Schutz der muslimischen Familie Husseini, die seit über 800 Jahren täglich jeden Morgen die Pilgerstätte für Christ:innen aufschließt, aber auch der Status der Al Aqsa-Moschee ist geregelt wie bisher: Außerhalb der muslimischen Gebetszeiten kann sie von nichtmuslimischen Touristen besucht werden, die dort jedoch nicht beten dürfen. Die jordanische Wakf-Behörde wacht über die Einhaltung des Status quo bzgl. der muslimischen Stätten im Einverständnis mit der Palästinensischen Autonomiebehörde.

Auch Christ:innen betroffen

Seit Jahren jedoch wird der vereinbarte Status quo von Israel systematisch untergraben. Davon betroffen sind nicht nur (palästinensische) Muslime & die Al Aqsa-Moschee, sondern auch die älteste christliche Gemeinde der Welt — palästinensische Christinnen & Christen — welche hierbei häufig im westlichen Diskurs ausgeblendet werden. Auch sie werden durch Israel & dessen vermeintlich religiösen Ansprüche immer weiter verdrängt.

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Die Religionsfreiheit von Christ:innen sowie Muslimen wird in den von Israel besetzten & belagerten Gebieten massiv eingeschränkt: Sämtliche Maßnahmen der Besatzung betreffen alle Palästinenser:innen, unabhängig von ihrer Religionszugehörigkeit. Zahlreiche Militärcheckpoints, aber auch “travel permits” (Reisegenehmigungen), die Palästinenser:innen aus den besetzten Gebieten bei den israelischen Besatzungsbehörden beantragen müssen — & oft verweigert werden — erschweren Pilgerfahrten, ob für Muslime an Ramadan oder Eid-Feierlichkeiten, oder für Christ:innen zu Ostern & Weihnachten. Die über 100 Militärcheckpoints sowie eine riesige völkerrechtlich illegale Trennmauer zwischen dem Westjordanland & Jerusalem, aber auch die Abriegelung des Gazastreifens, garantieren, dass man ohne travel permit nicht weit kommt.

Christliche Orte sind bedroht: So sind Renovierungsarbeiten christlicher Pilgerstätten in Jerusalem oft ein Kampf gegen die israelischen Behörden, die sie stets zu verhindern oder zu verzögern versuchen. Siedler:innen verüben immer wieder Brandanschläge gegen Kirchen, gegen die die israelische Polizei laut Kircheninstitutionen nicht ernsthaft ermittelt. Der israelische Staat enteignet Kircheneigentum zu Gunsten von Siedler:innen & deren Organisationen.

Im Jahr 2022 hinderte Israel erneut Tausende von palästinensischen Christ:innen daran, während der Osterfeierlichkeiten die Grabeskirche in Jerusalem zu erreichen & dort das Osterfeuer zu entzünden. Auch diese Szenen wiederholen sich Jahr für Jahr. Auch auf Anordnung israelischer Gerichte. Wenn die israelische Polizei Ansammlungen von Christ:innen gewaltsam aufzulösen versucht, werden auch die Priester geschlagen. “Seit vielen Jahren ist die Teilnahme an Gebeten & sogar der Zugang zu den Kirchen in der Altstadt, insbesondere während der Osterfeiertage, für unsere Gemeinden & unser Volk im Allgemeinen sehr schwierig geworden, weil die Polizei einseitig Beschränkungen durchgesetzt hat & mit Gewalt gegen Gläubige vorgeht, die darauf bestehen, ihr natürliches göttliches Recht auf Gottesdienst auszuüben”, so der griechisch-orthodoxe Patriarch Jerusalems 2022.

The Ethnic Cleansing of Palestinian Christians that nobody is talking about

Der religiöse Anspruch

Das “edle Heiligtum” in Jerusalem, Al Haram Al Sharif, umfasst 35 Hektar mit Springbrunnen, Gärten, Museen sowie der Al Aqsa-Moschee & dem Felsendom mit seiner berühmten goldenen Kuppel. Das gesamte Areal gilt als heiliger Raum & ist sowohl ein Bildungszentrum als auch ein religiöses Heiligtum. Es existiert in verschiedenen Rekonstruktionen seit über 1.300 Jahren.

Karte zur Orientierung.

Der Grund, warum es dem Judentum heilig ist, liegt darin, dass es der ursprüngliche Standort des Salomonischen Tempels sein soll, der die Bundeslade beherbergt habe & 586 v. Chr. zerstört wurde (wofür es keinen archäologischen Beweis gibt). Zwischen 516 v. Chr. & 70 n. Chr., als die Römer ihn zerstörten, befand sich in diesem Umfeld tatsächlich ein Tempel (nach heutiger archäologischer Sachlage aber wohl nicht der salomonische). Er wurde von Herodes renoviert. Die angeblichen Überreste der herodianischen Mauer bildet die Westmauer — auch bekannt als Klagemauer — , die aktuell als der heiligste Ort des Judentums gilt. Der Al Haram Al Sharif wird daher von jüdischen Gläubigen häufig als Tempelberg bezeichnet. Für die Existenz des salomonischen Tempels auf dem “Tempelberg” gibt es bis heute keinen Beweis, dafür haben die jahrelangen Ausgrabungen darunter zu einer Gefährdung der Statik der Al Aqsa geführt.

Abgeleitet aus der Torah/Bibel ist es jüdischen Menschen streng verboten, diesen zu besuchen. Der Grund: Zu biblischen Zeiten war das Betreten des allerheiligsten Tempelbereichs, nämlich den, in dem die Bundeslade gestanden haben soll, unter göttlicher Strafe verboten. Die Bundeslade soll die Steintafeln mit den 10 von Moses empfangenen Geboten enthalten haben. Da der Tempel nicht erhalten ist, weiß niemand wo genau dieser verbotene Raum gewesen sein soll — daher darf zur Sicherheit der gesamte Tempelberg von Juden nicht betreten werden. Strenggläubige Juden verurteilen daher die regelmäßigen Touren israelischer Siedler:innen. Sie stellen einen strengen Verstoß gegen alte rabbinische Traditionen dar.

Dies hält jedoch zahlreiche Siedler, Rechtsradikale & Extremisten nicht davon ab, regelmäßig zu Hunderten den Al Haram Al Sharif oder vermeintlichen Tempelberg zu betreten. Die Zionisten unter der Führung des rechtsgerichteten Rabbiners Shlomo Goren (Oberrabbiner des israelischen Militärs & später Oberrabbiner Israels) begannen, nach 1967 das Edle Heiligtum für den Bau eines dritten Tempels zu beanspruchen. Seit Jahrzehnten fordern verschiedene israelische, jüdische & Siedlerorganisationen lautstark den Abriss der Al Aqsa-Moschee, um einen dritten Salomonischen Tempel zu errichten.

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Die gleichen Gruppen fordern immer wieder auf aggressive Weise, dass Palästinenser:innen Jerusalem & das Westjordanland verlassen sollen, da sie unrechtmäßig dort lebten. Regelmäßig ziehen sie durch Jerusalems Straßen & skandieren “Tod den Arabern!”, u.a. an ihrem jährlich stattfindenden Flaggenmarsch. Unterstützung erhalten sie dabei aus dem israelischen Parlament, dass nicht nur die Siedlerbewegung finanziell unterstützt, sondern dem viele Knessetmitglieder angehören, die aus der Siedlerbewegung stammen, u.a. Israels Premierminister Naftali Bennett.

Laut NGO Ir Amin wird die Mehrheit der “Tempelberg”-Gruppen der Siedler:innen sowohl von der israelischen Regierung als auch der Jerusalemer Stadtverwaltung finanziell gefördert. Im Jahr 2022 riefen Siedlerorganisationen erstmals dazu auf, zum Pessachfest ein Lamm auf dem Tempelberg zu opfern — in absolutem Widerspruch zu jüdischer Tradition, aber ganz im Sinne ultra-nationalistischer Ambitionen. Es geht ihnen nicht um das Aufrechterhalten oder gar Wiederbeleben jüdischer Traditionen auf dem Tempelberg, sondern das Verdrängen der Palästinenser:innen aus Al Aqsa & ganz Jerusalem, einschließlich ihrer jahrhundertealten Geschichte & Traditionen. Die arabische Identität der Stadt soll ausgelöscht werden. Nach dem Willen der Siedlerorganisationen, aber auch politischer Vertreter:innen & israelischen Organisationen soll das gesamte historische Palästina rein jüdisch werden. Dazu müssen auch muslimische & christliche Stätten weichen.

Im Rahmen dessen wird Palästinenser:innen auf Anordnung der israelischen Behörden seit Jahren regelmäßig der Zugang zur Al Aqsa-Moschee verweigert, was sie dazu zwingt, häufig in den Gassen der Altstadt zu beten. Besonders palästinensische Männer unter 50 Jahren werden immer wieder mit Zutrittsverboten belegt & müssen dann darauf hoffen, sich erfolgreich hineinschleichen zu können. Immer wieder werden neue Maßnahmen ergriffen, um Palästinenser:innen den Zugang zu verweigern oder zumindest zu erschweren & dafür stets neue Militärcheckpoints eingerichtet. Während die Besuchsrechte der Palästinenser:innen zur Al Aqsa-Moschee seit Jahren immer weiter eingeschränkt werden, nimmt nimmt die Zahl an Siedler:innen, die durch die Al Aqsa-Moschee touren & dort religiöse Rituale durchführen, drastisch zu.

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Die Verdrängung aus Jerusalem mit der Bibel

Ein drastisches Beispiel, unmittelbar vor den Toren der Al Aqsa-Moschee, zeigt an Hand vollendeter Tatsachen, wie Religion & Siedlerkolonialismus vermischt werden, um Palästinenser:innen zu vertreiben & palästinensische Geschichte auszulöschen. Als Israel nach dem Sechstagekrieg 1967 Ostjerusalem besetzte, machte es wenige Tage später das über 800 Jahre alte, einst von Saladdins Soldaten errichtete “Marokkanische Viertel” neben der Klagemauer & dem Al Haram Al Sharif dem Erdboden gleich & vertrieb die Bewohner:innen gewaltsam. Manche verloren dabei ihr Leben. Ihr Grundstück wurde für die öffentliche Nutzung enteignet & ist heute der große leere Plaza vor der Klagemauer, über den jüdische Pilger & internationale Staatsgäste wandeln. Allein im Jahr 1968 beschlagnahmte Israel 12% der Altstadt. Die Zwangsenteignungen von Palästinenser:innen halten hier bis heute an.

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Aktuell sind weitere Viertel Jerusalems, Al Bustan & Silwan, von der vollständigen Zerstörung & Vertreibung seiner palästinensischen Bewohner:innen bedroht: Zu Gunsten des Baus eines Bibel- bzw. religiösen Themenparks mit Namen “König David” werden seit letztem Jahr Palästinenser:innen entschädigungslos obdachlos gemacht. Ihnen wird kein alternativer Wohnraum angeboten, Baugenehmigungen in der Regel stets verweigert. Sie werden somit de facto aus Jerusalem vertrieben (für weitere Informationen dazu empfehlen wir die Website von grassrootsalquds mit Infografiken, Karten usw.).

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Immer wieder wird der Gebetsruf der Moscheen verboten, letztes Jahr schnitten während des Fastenmonats Ramadan Soldat:innen die Lautsprecherkabel der Minarette der Al Aqsa-Moschee durch, außerdem wird immer wieder der jahrhundertealte Brauch der Musaharati, der während Ramadan musizierend durch die Straßen zieht, um die Gläubigen zum Suhur, der letzten Mahlzeit vor der Morgendämmerung zu wecken, von den israelischen Behörden attackiert & die Musaharati mit Haft bedroht.

Wohin die Bibel-Politik in Jerusalem führt? Beispiel Al Khalil (Hebron)

Auch im Westjordanland finden sich weitere Beispiele für das gleiche Vorgehen, die zeigen, was das letztliche Ziel ist: In Al Khalil (Hebron) leben 700 Siedler:innen & 30.000 Palästinenser:innen. Schon jetzt stehen 60% der dortigen, zwangsgeteilten Ibrahimi-Moschee ausschließlich Siedler:innen zur Verfügung. Mehr als 20 Militärcheckpoints & Metallgatter zwischen der kleinen Altstadt & Moschee verbarrikadieren Palästinenser:innen den Zugang, nicht aber den Siedler:innen, die absolute Bewegungsfreiheit genießen. Die Ibrahimi-Moschee ist der Ort, an welchem nach muslimischen & jüdischen Glauben Ibrahim/Abraham begraben sein soll, der von Muslimen als Prophet, von Juden als Stammesvater verehrt wird.

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Die Siedlerbewegung in Al Khalil gilt als besonders aggressiv & attackiert regelmäßig die einheimische Bevölkerung. 1994 verübte der israelische Siedler & Terrorist Baruch Goldstein in der Ibrahimi-Moschee ein Massaker: Während Muslime beteten drang er gewaltsam ein, erschoss 29 Menschen & verletzte 125 weitere. In der Folge wurde Palästinenser:innen — nicht den Siedler:innen!— bis heute das Betreten des Stadtzentrums verboten. Aus angeblichen Sicherheitsgründen. Es folgten weitere Checkpoints — ausschließlich für die arabischen Einwohner:innen.

Nach Ethnie getrennte Straßen in Al Khalil
Apartheid im besetzten Al Khalil (Hebron), 13.11.2020. Eine Seite (stets die kleinere) für Einheimische, die andere für Siedler:innen. Mit freundlicher Genehmigung Christian Peacemaker Teams Palestine

Teilweise gibt es Straßen, die nur Siedler:innen benutzen dürfen. Um die Siedlerbewegung in Al Khalil zu fördern, setzten die Besatzungsbehörden zum einen ein religiöses Nutzungsrecht der Siedler:innen für die Ibrahimi-Moschee durch & teilten die Moschee in einen muslimischen & einen jüdischen Teil auf, zum anderen werden die jüdischen Besuchszeiten der Einrichtung seit Jahren verlängert, während die der Muslime immer weiter eingeschränkt werden.

Regelmäßige, willkürliche Schließungen von Checkpoints verhindern zudem Muslimen den Zugang vollständig. Selbst das Eingangstor zum von den israelischen Behörden zugewiesenen “muslimischen Teil” der Moschee ist ein Militärcheckpoint, an dem jeder Muslim von Besatzungssoldat:innen kontrolliert & schikaniert wird. Zugunsten von Siedler:innen werden an jüdischen Feiertagen auch Ausgangssperren für (ausschließlich) Palästinenser:innen verhängt. An jüdischen Feiertagen dürfen Palästinenser:innen die Ibrahimi-Moschee gar nicht betreten, nur Juden ist es dann erlaubt. Umgekehrt, wie bspw. zu Ramadan, existieren solche Regelungen nicht.

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Palästinenser:innen ist de facto das Bauen in Al Khalil & Umgebung untersagt, gleichzeitig werden illegale Siedlungsaktivitäten von Israel gefördert & weitere Siedler:innen mit staatlichen Steuervergünstigungen angelockt. Um den vermeintlich historisch-religiösen Anspruch dahinter zu verdeutlichen & vom Fakt abzulenken, das diese Praxis gemäß Genfer Konvention ein Kriegsverbrechen ist, werden an arabischen Häusern der Altstadt regelmäßig Steinfliesen mit jüdischem Kerzenleuchter (Menora) angebracht. Mit solchen gefälschten “antiken” Fliesen versuchen Siedler:innen die Besitzverhältnisse & Geschichte der arabischen Altstadt umzuschreiben, um ihren Besitzansprüchen eine vermeintliche historische Basis zu verleihen.

Gefälschte antike Fliese in Hebron
Gefälschte antike Fliese, um jüdischen Besitzanspruch & Geschichte über palästinensisch-arabischem Land & Besitz zu behaupten. Besetztes Al Khalil, 10.11.2020 (social media)

Wenn es nicht jüdisch ist, kann es nicht heilig sein

Bis heute hat die israelische Regierung 135 Stätten zu heiligen Stätten erklärt, die durch das Gesetz geschützt sind. Alle von ihnen sind jüdisch, keine davon ist christlich oder muslimisch. Seit 1971 gibt es ein Gesetz, das es der Regierung ermöglicht, religiöse Räte in jüdischen Städten & Siedlungen einzurichten. Diese von den staatlichen & lokalen Behörden finanzierten religiösen Räte dienen der örtlichen Bevölkerung in allen religiösen Angelegenheiten, wie z. B. der Unterhaltung religiöser Einrichtungen, Friedhöfe & Gräber in jeder Ortschaft. Für die nichtjüdischen Religionen gibt es kein paralleles System.

Die israelische Regierung schändet Hunderte von Moscheen & islamischen Schreinen in den Dörfern & Städten innerhalb Israels, aus denen die palästinensische Bevölkerung im Rahmen der Nakba bzw. israelischen Staatsgründung vollständig vertrieben wurde. Während viele dieser Stätten von ihnen zerstört wurden, wurden viele der übrigen in Synagogen, Bars, Museen oder sogar in Tierställe umgewandelt. Einige von ihnen sind mehr als 1.000 Jahre alt.

Auch die Al Aqsa-Moschee wird durch die verschiedenen, jahrzehntelangen archäologischen Ausgrabungen, die irgendwann Reste des salomonischen Tempels finden sollen, Tunnelbauarbeiten sowie andere Aktivitäten unter der Erde, die bereits einige der benachbarten Gebäude beschädigt haben, gefährdet. Die Fundamente drohen instabil zu werden. Israel ignoriert weiterhin die Aufforderungen der UNESCO, diese Maßnahmen einzustellen oder mit internationalen Experten abzustimmen.

Zusammenfassung

Wenn man sich an die westlichen Schlagzeilen hält, kann man schnell zu dem Schluss kommen, dass es sich um einen religiösen Kampf in Jerusalem handelt. Die Realität ist jedoch eine andere. Die Palästinenser:innen sehen aufgrund ihrer Erfahrungen mit Israels Politik seit 1948 in den Maßnahmen Israels & der Siedlerverbände einen ständigen Versuch, den Raum für jüdische Israelis zu erweitern, während der Boden & die Rechte der Palästinenser:innen weiter eingeschränkt werden. Sie werden weiterhin vertrieben, viele andere belagert (Gazastreifen) & letztlich alle dazu gedrängt, in zersplitterten Enklaven mit unterschiedlichen Graden der Unterdrückung & Diskriminierung zu leben. Für das Ziel, Israel zu etwas ausschließlich jüdischem zu machen, wurden als Mittel Krieg, Gesetze, religiöse Ansprüche & weiteres eingesetzt. Das ist der Hauptgrund, warum Palästinenser:innen hier von (Siedler-)Kolonialismus sprechen.

Wenn man sich die aktuelle Rechtslage im historischen Palästina sowie die rabbinische Tradition im Judentum ansieht, die das Betreten des Tempelbergs/Al Aqsa verbietet, wird klar, dass der Grund für das Bestehen auf Zugang & Gebeten Israels jenseits der Religion liegt. Vor allem, wenn man in diesem Kontext die rechtliche Ungleichheit & sowie Vertreibungspolitik gegen Palästinenser:innen durch Israel & dessen Umgang mit anderen Religionen & deren heiligen Stätten berücksichtigt.

Die Palästinenser:innen Jerusalems sehen, wie sich die Lage in Al Khalil (Hebron) entwickelt hat & weiter entwickelt & betrachten die Maßnahmen in Jerusalem nur als eine Wiederholung in größerem Maßstab.

Gebete sind für Gott. Manche Gebete sind nur Kolonialisierung.

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