10 Tage Angriffe von Siedlern & Staat: eine time line

10 Tage Angriffe von Siedlern & Staat: eine time line

Seit dem letzten Einmarsch in Jenin am 19.06.2023 und dem Schusswechsel in der Nähe von Nablus sind die Siedler auf dem Vormarsch & greifen palästinensische Gemeinden an, während der israelische Staat neue Siedlungen baut & die bestehenden erweitert. Während das israelische Militär versucht, sein Gewaltmonopol gegen Palästinenser:innen zu halten und folglich die Siedlergewalt einzuschränken, gewährt die Regierung den Siedlermobs freie Hand.
Wir fassen die wesentlichen Entwicklungen zusammen:

19. Juni

  • Eine Offensive der israelischen Armee in Jenin: 7 Palästinenser:innen, darunter 2 Minderjährige, werden getötet & 91 weitere verletzt. Die Invasoren geraten in einen Hinterhalt des palästinensischen Widerstands & sehen sich im Westjordanland mit einer Gegenwehr konfrontiert, wie es sie seit über zwei Jahrzehnten nicht mehr gegeben hat. Viele Armeefahrzeuge werden beschädigt. Erstmals seit rund 20 Jahren werden wieder israelische Hubschrauber in der Westbank eingesetzt.
  • Westlich von Bethlehem wird der Palästinenser Zakaria Zaghloul (20) von Soldat:innen getötet, die auf Jugendliche schossen, die die Soldat:innen mit Steinen und Feuerwerkskörpern bewarfen.
  • Weitere Verletzungen & Verhaftungen werden bei den nächtlichen Überfällen der israelischen Besatzer:innen auf verschiedene Städte & Dörfer im Westjordanland gemeldet.
[Occupied News berichtet in seinem Monatsbericht über diese Überfälle und Verhaftungen, die jede Nacht stattfinden. Die meisten Verhafteten werden in der Regel in den nächsten Tagen wieder freigelassen, ohne dass der Grund für die Verhaftung bekannt ist. Die Verhaftungen sind von Gewalt & Vandalismus seitens der Soldat:innen geprägt.]

20. Juni

  • Zwei Palästinenser eröffnen das Feuer auf Siedler der illegalen Siedlung “Eli” nahe Nablus & töten vier. Einer der beiden wird am Tatort von einem Siedler getötet. Der andere wird zwei Stunden später in einem Auto von den Besatzungssoldat:innen erschossen. Ein Video zeigt, dass ein Versuch, ihn zu verhaften, nicht unternommen wurde.
  • Die israelische Armee schickt weitere Bataillone in das besetzte Westjordanland.
  • Noch am selben Abend kommt es zu Pogromen von Siedlern gegen die palästinensische Zivilbevölkerung zahlreicher Gemeinden.

21. Juni

  • Israel kündigt den Bau von 1.000 weiteren Wohneinheiten in der illegalen Siedlung “Eli” an, die bei der Ermordung der vier Siedler angegriffen wurde.
  • Israel unternimmt konkrete Schritte zur Zerstörung der Häuser der beiden palästinensischen Angreifer & will somit deren Familien bestrafen. Kollektivstrafen sind gemäß Genfer Konvention verboten.
  • Israel bestraft die palästinensischen Gefangenen. Sie müssen ihre Zahnbehandlungen von dem Geld bezahlen, das sie im Voraus für das Essen bezahlt haben: “Essen oder zum Zahnarzt gehen”.
  • Siedler greifen in der ersten Nacht vom 20. auf den 21.06. mehr als sieben Gemeinden an. Das schwerste Pogrom findet in Turmusaya statt: 400 Siedler greifen an, töten eine Person & brennen 30 Häuser & 60 Autos nieder. Der Angriff auf Turmusaya findet unter der Leitung & dem Schutz der israelischen Armee statt. Später wird bekannt, dass es ein israelischer Polizist war, der den Palästinenser Omar Ketin (27) in Turmusaya getötet hat. Auch an anderen Orten verletzten Siedler viele Palästinenser und verbrannten Dutzende von Donum an Land.
Nach dem Siedlerpogrom in Turmusaya, besetztes Westjordanland, 22.06.2023. Foto: activestills

22. Juni

  • Israel ermordet drei palästinensische Kämpfer durch einen Luftangriff. Dies ist der erste derartige Luftangriff im Westjordanland seit 2006.
  • Zwei neue Siedlungen werden errichtet, eine davon in der Nähe von Turmusya, ebenfalls mit dem Schutz & der Unterstützung der israelischen Armee.

23. Juni

  • Die Angriffe der Siedler weiten sich auf weitere Gemeinden im Westjordanland aus. Die meisten finden unter dem Schutz der israelischen Armee statt. Es werden Sachschäden & Verletzte gemeldet.
  • Die israelische Armee setzt ihre nächtlichen Razzien fort & verhaftet weitere Palästinenser:innen.
  • Laut UNO könnte die Situation nach der Serie von Siedlerpogromen “außer Kontrolle” geraten.
  • Parallel zur Zunahme der Siedlergewalt werden weitere Siedlungen gebaut. Innerhalb von nur zwei Tagen werden sieben neue Siedlungen errichtet.
  • Die Botschafter der USA & vieler EU-Länder verurteilen die Angriffe der Siedler.
  • Deutschland sagt seine Unterstützung für eine amerikanische Erklärung zur Unterstützung Israels ab. Die USA bereiteten zusammen mit 26 anderen Ländern ein Statement vor, das Israel unterstützt & eine unbefristete UN-Untersuchung von Menschenrechtsverletzungen in Palästina verurteilt.
  • Der israelische Innenminister Ben-Gvir wiederholt vor seinen Anhänger:innen in einer Siedlung fanatischer Rechtsextremist:innen seine uneingeschränkte Unterstützung für die Siedler:innen & für den Bau von Siedlungen auf allen Hügeln des Westjordanlandes:

“Wir müssen eine Militäroperation [in palästinensischen Städten in des Westjordanlandes] durchführen, Gebäude zerstören, Terroristen töten, nicht einen oder zwei, sondern Dutzende & Hunderte oder sogar Tausende, wenn nötig.”

  • Israel kündigt die Verhaftung von vier Siedlern an. Der Tagesspiegel wertet dies als Zeichen für ein “entschlossenes” Vorgehen gegen die Siedler & ignoriert dabei, dass Israel jede Nacht mehr Palästinenser:innen verhaftet.
Nach dem Siedler-Pogrom in Turmusaya.

24. Juni

  • Zwei Palästinenser werden getötet: ein junger Mann am Qalandiya Militärcheckpoint, der versucht haben soll, in Richtung eines Sicherheitsbeamten zu schießen, sowie ein weiterer, der sich dem Einmarsch in das Flüchtlingslager bei Nablus widersetzte.
  • Die Angriffe der Siedler gehen weiter. Der Schlimmste fand auf Um-Safa statt, wo 70 Siedler das Dorf stürmten & 10 Häuser & 30 Fahrzeuge niederbrannten.
  • In einem anderen Dorf übernahmen Siedler mehrere Dutzend Donum Land & errichteten eine neue Siedlung.

25. Juni

  • Es finden weitere Angriffe auf palästinensische Gemeinden durch die israelische Armee sowie durch von der Armee begleitete Siedler statt. Siedler brennen weiterhin palästinensische Felder & Grundstücke nieder. Die Armee setzt ihre nächtlichen Angriffe mit Verhaftungen & Schüssen auf Palästinenser:innen fort.
  • Die israelischen Sicherheitsbehörden erklären, dass die Angriffe der Siedler eine Form des Terrorismus sind. Der israelische Innenminister & der Finanzminister, welcher auch für die zivilen Angelegenheiten der Palästinenser:innen im Westjordanland zuständig ist, verurteilen diese Kategorisierung & kündigen Unterstützung für die Siedler:innen an.
  • Weitere Bataillone werden in das besetzte Westjordanland entsandt. Die Zahl der israelischen Bataillone im Westjordanland ist Berichten zufolge innerhalb einer Woche um fast 50 Prozent gestiegen.

26. Juni

  • Die israelischen Baubehörden genehmigen den Bau von über 5.600 neuen Wohneinheiten in den völkerrechtswidrigen israelischen Siedlungen im Westjordanland — das sind sogar noch mehr als in der vorherigen Woche angekündigt.
  • Der israelische Premierminister Netanjahu leitet eine Untersuchung über eine mögliche Unterdrückung der Siedler:innen durch die israelischen Streitkräfte ein.
  • Netanjahu: “Wir müssen ihr Streben [das der Palästinenser] nach einem palästinensischen Staat unterbrechen.” “Wir müssen die Palästinensische Autonomiebehörde unterstützen & werden niemals zulassen, dass sie zusammenbricht. Sie machen die Arbeit für uns, wenn sie können.“

27. Juni

  • Die israelischen Besatzungskräfte beschuldigen die Regierung, die Siedler zu schützen & jeden Schritt zur Beendigung ihrer Gewalt zu unterbinden. Quellen in diesen Behörden erklärten gegenüber Haaretz, sie hätten die Kontrolle über die Siedler verloren, die von Ministern unterstützt werden. Sie können weder ihre Gewalt noch den Bau neuer Einheiten außerhalb der ausgewiesenen Siedlungsgebiete stoppen.
  • Die israelische Armee entwurzelt über 70 Olivenbäume in der Nähe von Bethlehem & zerstört landwirtschaftliche Flächen bei Al Khalil (Hebron).
  • Während israelische Siedler weiterhin Palästinenser:innen angreifen & verletzen, dringt die israelische Armee immer wieder in Städte ein & verhaftet weitere Palästinenser:innen.
  • Laut offiziellen Angaben wurden während der laufenden Pogrome insgesamt 14 Israelis verhaftet, 7 von ihnen jedoch bereits wieder freigelassen.
  • Bei dem Pogrom in Huwara vor 4 Monaten klagte Israel ebenfalls 17 Israelis an, alle sind ohne eine Anzeige wieder freigelassen worden, Haaretz zufolge.
Turmusaya.

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