1 Toter, 106 Tage Hungerstreik gegen Willkürhaft & zerstörte Häuser — Weekly Summary, 16.06.2022

Was in der Woche vom 09.-15.06..2022 im historischen Palästina passierte:

Getötet

Israelische Besatzungskräfte erschossen am 09. Juni den Palästinenser Mahmoud Abu Ayhour (27) & verletzten dabei 2 weitere Personen wurden als die israelische Armee in das Dorf Halhoul nahe Al Khalil (Hebron) einmarschierte. Mehrere junge Männer versuchten sich den eindringenden Soldat:innen mit Steinen entgegenzustellen, woraufhin die Besatzer scharf schossen. Abu Ayhour erlag der Schussverletzung in seinem Bauch, die ihm die Soldat:innen zufügten.

Mahmoud Fayez Abu Ayhour

Am 11. Juni 2022 verstarb Samih Amarnah (35) im Al Istishari-Krankenhaus in Ramallah an seinen Halsverletzungen, die er am 01. Juni 2022 beim gewaltsamen Einmarsch der Besatzungsarmee in das Dorf Yabud nahe dem besetzten Jenin erlitt. Die Besatzer sprengten im Rahmen einer Kolkektivstrafe bzw “Sippenhaft” (international geächtet) das Hauses der Familie von Diaa Hamarsheh, der vor Monaten in Tel Aviv einen Schießanschlag mit mehreren Toten verübte.

Im Jahr 2022 wurden bei Angriffen der Besatzungsarmee bisher mind. 57 Palästinenser:innen im Westjordanland getötet, darunter 13 Kinder/Minderjährige & 5 Frauen, einschließlich der Journalistin Shireen Abu Akleh. I

Westjordanland

Alltag: Zwischen dem 09. & 15.06.2022 fiel die israelische Besatzungsarmee 220 Mal in Ortschaften des Westjordanlandes, einschließlich des besetzten Jerusalem, ein. Diese Übergriffe beinhalteten erneut willkürliche Razzien in zivilen Wohnhäusern, Verhaftungen sowie Schießereien der Soldat:innen, die Angst unter der Zivilbevölkerung hervorriefen. Es kam dabei außerdem erneut zu Todesfällen & schwer verletzten (s. obiges Kapitel).

Im Jahr 2022 ist die israelische bisher 3.995 Mal gewaltsam in Ortschaften des Westjordanlandes, einschließlich Jerusalem, eingefallen, wobei 2.630 Palästinenser:innen festgenommen wurden, darunter 262 Kinder & 20 Frauen.

Die Besatzungsgewalt rief auch diese Woche zahlreiche Demonstrationen von Palästinenser:innen hervor. Vor allem in der besetzten Stadt Tarqumia, welche akut von Landraub durch Israel bedroht ist. Die Proteste wurde erneut mit Gewalt der Besatzer beantwortet. Es kam zu zahlreichen Verletzten, darunter Kinder. Einige wurde mit scharfer Munition verletzt. Bspw. wurde diese Woche ein Kind am rechten Knie verwundet, als die Besatzungsarmee am Eingang des Flüchtlingslagers Al Aroub in Al Khalil (Hebron) das Feuer eröffnete. Am selben Tag wurde ein Palästinenser schwer verwundet, nachdem er mit Gewehrkolben auf den Kopf geschlagen wurde, wodurch er Hirnverletzungen erlitt. Einem jungen Palästinenser wurde diese Woche in Nabi Saleh von Besatzungssoldat:innen zum 2. Mal der Schädel gebrochen.

Politische Gefangene: 6 palästinensische Gefangene in israelischen Besatzungsgefängnissen befinden sich aktuell im Hungerstreik. 3 davon protestieren damit gegen ihre Willkürhaft bzw. Administrativhaft, 2 gegen ihre schlechten Haftbedingungen, die u.a. Isolationshaft beinhaltet, & einer, der aus Solidarität mithungert.

Der hungerstreikende palästinensische Häftling Khalil Awawdeh (40) wurde am Donnerstag in ein Krankenhaus eingeliefert, nachdem sich sein Gesundheitszustand dramatisch verschlechtert hatte. Awawdeh befindet sich sich seit 106 Tagen in einem unbefristeten Hungerstreik, um gegen seine Inhaftierung ohne Anklage oder Prozess zu protestieren. Er wurde seit 2002 mehrmals von Israel inhaftiert. Es sei das zweite Mal, dass er einen unbefristeten Hungerstreik begonnen hat, nachdem er 2012 an einem Massenhungerstreik teilgenommen hatte.

Khalil Awawdeh (40)

Über 600 palästinensische Administrativhäftlinge in israelischen Besatzungsgefängnissen boykottieren seit 166 aufeinander folgenden Tagen die israelischen Militärgerichte, um gegen die israelische Adminsitrativhaft — d.h. Willkürhaft ohne Nennung von Gründen, Beweisen oder gar Anklage oder Gerichtsurteil & beliebig oft verlängerbar — zu protestieren. Diese Haftform wird international von der UN sowie Menschenrechtsaktivist:innen scharf kritisiert.

Palästinensischen Statistiken zufolge befinden sich derzeit etwa 4.500 Palästinenser:innen, darunter 32 Frauen & 160 Kinder, in israelischen Haftanstalten. Unter ihnen befinden sich fast 540 Palästinenser:innen in Administrativhaft.

Infografik Administrativehaft
Infograpfic Administrativehaft (Visualizing Palestine CC BY-NC-ND 4.0)

Systematische Vertreibung der Palästinenser:innen zu Gunsten von Siedler:innen/Israelis: 
Die Vertreibung & Zwangsenteignung von Palästinenser:innen ging auch diese Woche weiter. Die Besatzungsarmee riss 3 Familienhäuser ab & vertrieb so eine vierköpfige Familie, darunter 2 Kinder. Außerdem verhängten sie 4 Abriss- & Bauverbotsbescheide sowie die Beschlagnahmung eines Wohnwagens. Zudem wurden durch die Besatzer 4.000m² landwirtschaftliche Nutzfläche & 95 Olivenbäume zerstört — eine wirtschaftliche Katastrophe für die betroffenen palästinensischen Bauern. Die UN bezeichnet diese Praxis als Kriegsverbrechen, Amnesty International, Human Rights Watch & weitere Menschenrechtsorganisationen sowie die UN zeigen, dass es sich um eine Praxis israelischer Apartheidspolitik handelt, um die Demographie im besetzten Westjordanland zu Gunsten jüdisch-israelischer Siedler:innen zu verschieben.

Seit Anfang 2022 hat die Besatzungsarmee 77 palästinensische Familien obdachlos gemacht, insgesamt 445 Personen, darunter 90 Frauen & 210 Kinder. Dies war das Ergebnis des Abrisses von 76 Häusern & 16 Wohnzelten durch die Armee. Diese zerstörte außerdem 48 weitere zivile Objekte (für Verwaltung, Bildung, Landwirtschaft, Medizin, Religion, etc.) & übermittelte über 53 Abriss-, Bauverbots- & Zwangsräumungsbescheide.

Keine Bewegungsfreiheit auf eigenem Land:
Im Westjordanland, einschließlich des besetzten Jerusalem, schränkt die israelische Besatzungsarmee weiterhin die Bewegungsfreiheit — ausschließlich — von Palästinenser:innen ein. Zusätzlich zu den 108 permanenten Militärcheckpoints richtete die Armee in dieser Woche 102 temporäre Militärcheckpoints ein & verhaftete willkürlich 2 Palästinenser:innen an diesen.

Im Jahr 2022 hat die Besatzungsarmee zusätzlich zu 108 permanenten Militärcheckpoints bisher 1.926 temporäre Militärcheckpoints eingerichtet & 106 Palästinenser:innen an diesen willkürlich verhaftet.

Freiluft Gefängnis Gaza

Der Gazastreifen leidet immer noch unter der Totalblockade der israelischen Besatzung. Die totale Abriegelung hält nun das 15. Jahr in Folge an, mit katastrophalen Auswirkungen auf alle Aspekte des Lebens. Sie ist völkerrechtlich illegal. Die 2.2 Mio dort lebenden Menschen Menschen dürfen ohne israelische Genehmigung weder ein- noch ausreisen, es darf nicht exportiert werden, importiert werden darf nur wenig, die Resultate sind Massenarbeitslosigkeit, ein kollaboriertes Gesundheitswesen & Lebensmittelknappheit. Bis jetzt gibt Israel keinen Hinweis auf eine Lösung in der Zukunft, wodurch die Bevölkerung des Gazastreifens ihrer wirtschaftlichen, sozialen & kulturellen Rechte weiter beraubt wird. Nach Angaben des Büros der Vereinten Nationen für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten sind mehr als 62,2 % der Bevölkerung von Ernährungsunsicherheit betroffen. Laut der UN gilt der Gazastreifen aufgrund der Zustände als unbewohnbar.

Die wöchentlichen Angriffe auf Gazas Fischer durch israelische Kanonenboote gingen auch diese Woche weiter. 4 Mal wurde auf Fischerboote vor der Küste des Gazastreifens durch israelische Kanonenboote geschossen. Durch diese regelmäßigen Übergriffe auf Fischer ist die Fischerei-Industrie im Gazastreifen um über 50% eingebrochen.

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